Nicht platt und nicht banal, aber präsent

Kultur / 20.02.2019 • 10:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Der große Marsch" des deutschen Autors Wolfram Lotz wird ab 21. Februar im Kulturhaus in Dornbirn gespielt. Theater/Stark
„Der große Marsch“ des deutschen Autors Wolfram Lotz wird ab 21. Februar im Kulturhaus in Dornbirn gespielt. Theater/Stark

Mit „Der große Marsch“ von Wolfram Lotz thematisiert das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung Mechanismen in der Politik und auf der Bühne.

Christa Dietrich

Dornbirn In Basel ging man so weit, dass man das Publikum in der Tat rauswarf, dabei werden in „Der große Marsch“ des deutschen Autors Wolfram Lotz (geb. 1981) nicht die Zuschauer beschimpft, wenn man von einem Angriff sprechen will, dann gilt er dem Theater selbst. Nahezu angewidert von Kapitalismuskritik-Klischees auf den Bühnen entwarf Lotz eine Art anarchische Revue, die verdeutlichen sollte, was Theater ist, nämlich ein utopischer Raum für die Kunst.

Wie inszeniert man so ein Stück heute, wenn Ulrich Khuon, der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, wiederholt darauf aufmerksam macht, dass Theaterunternehmen nun, in einer Zeit, in der die Rechtsparteien in Deutschland wieder ein Gesinnungstheater bzw. ein nationalistisches Theater fordern, Haltung zeigen sollen? Wie geht man mit einem solchen Stück um, wenn wieder verdeutlicht werden soll, dass Theater Raum für den Diskurs zu bieten hat?  „Wir sind ein Ensemble, keine Institution“, sagt Stephan Kasimir, Regisseur und Leiter den Ensembles für unpopuläre Freizeitgestaltung, das „Der große Marsch“ nun als drittes Stück von Wolfram Lotz anbietet. Als Institution müsse man Haltung beziehen, die Bühne selbst sei, so Kasimir, nicht der richtige Ort. Lotz kritisiere etwa, dass in einem Schiller-Abend Texte der RAF zitiert werden oder dass zur Erreichung von Authentizität Bürgerinnen und Bürger oder beispielsweise Arbeitslose selbst auf der Bühne stehen. Kasimir: „Das ist ein Heischen nach Authentizität, die es im Theaterraum gar nicht geben kann, da scheitert das Theater.“ Wirklichkeit könne nur über Unwirkliches transportiert werden.

Die Stückwahl macht es aus

Im Stück von Lotz gibt es Personen aus der deutschen Politik. Da stellt sich die Frage, ob Kasimir nicht versucht war, österreichische Politiker auftreten zu lassen, was sich etwa in „Einige Nachrichten an das All“ noch ergeben hatte, oder die Situation in Österreich in seinen inszenatorischen Überlegungen einzubeziehen. Kasimir: „Das wäre gar nicht notwendig, denn es geht um die leeren Phrasen oder die Nonchalance, mit der solche Leute die Kritik an sich abprallen lassen.“  Auch von konkreten Seitenhieben, wie sie gelegentlich gerne eingeflochten werden, hält Kasimir in diesem Zusammenhang nichts. „So etwas ist mir zu platt und zu einfach“, erklärt er im Gespräch mit den VN.  Selbst das Legen von Fährten sei ihm zu banal. Sich als Plattform für den Diskurs auszuweisen, das könne ein Theaterunternehmen vor allem durch die Stückwahl.

„Der große Marsch“ wollte er schon vor einiger Zeit spielen, doch für Österreich war das Werk vom Wiener Burgtheater gesperrt, das sich die Aufführungsrechte reserviert hatte, es dann aber ohnehin auf einer seiner kleinen Nebenbühnen herausbrachte. Nach „Die lächerliche Finsternis“ und „Einige Nachrichten an das All“ ist es nun das dritte Stück des deutschen Autors, das in Dornbirn gezeigt wird. Lotz kommt einen Tag nach der Premiere am 21. Februar nach Vorarlberg und hält am 22. Februar im Flatz Museum in Dornbirn eine Lesung.

Ende dieses Jahres will das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung, kurz: Ensemble Unpop, Bilanz ziehen. Das Publikum ist da bzw. zeigt Interesse an der jungen Profi-Bühne, das Budget ist mit Subventionen in der Höhe von 40.000 Euro vom Land Vorarlberg und 22.000 Euro von der Stadt Dornbirn knapp, Ideen und Energie haben Stephan Kasimir und Caro Stark, die die Ausstattung verantwortet und zum Leitungsteam zählt.

Uraufführung geplant

Kasimir ist zudem Kurator im Kosmodrom, der jungen Bühne des Theaters Kosmos in Bregenz, das ausschließlich mit neuen Autoren zusammenarbeitet und sie fördert. Im Juni erfolgt dort die Uraufführung des Stückes „Zement“ der Vorarlberger Schriftstellerin Carolyn Amann. Dabei geht es um das Vermessen eines Grundstückes und um das Erben. Ein Vorarlberger Thema, wie man unschwer feststellen kann, das, so darf man es erwarten, in einer sehr poetischen Sprache umgesetzt wird.