„Meine Zeit war eine rebellische“

Kultur / 05.03.2019 • 18:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit „Die untalentierte Lügnerin“ hat Eva Schmidt einen neuen Roman herausgebracht. Sie schreibt bereits am nächsten. Lisa Mathis
Mit „Die untalentierte Lügnerin“ hat Eva Schmidt einen neuen Roman herausgebracht. Sie schreibt bereits am nächsten. Lisa Mathis

Schriftstellerin Eva Schmidt spricht über ihren neuen Roman, der von jungen Menschen in der Gegenwart handelt.

Christa Dietrich

Bregenz „Ich wollte das Buch im Jetzt spielen lassen. Ich beobachte junge Menschen und habe mit meinen eigenen Kindern genug erlebt“, sagt Eva Schmidt (66). Die Bregenzer Schriftstellerin hat mit „Die untalentierte Lügnerin“ gerade einen Roman herausgebracht. Vor rund zwei Jahren kam „Ein langes Jahr“ auf die Shortlist für den renommierten Deutschen Buchpreis. Zuvor ist lange Zeit bzw. fast 20 Jahre lang nichts erschienen.

Mitte der 1980er-Jahre betrat Eva Schmidt mit „Ein Vergleich mit dem Leben“ und „Reigen“ das literarische Podium und wurde unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet. Die Pause sei sehr wichtig gewesen, erzählt sie. Der Erwartungsdruck, der damals entstanden sei, habe ihr ziemlich zugesetzt. „Ich brauche die Stille. Für alles, was mit der Öffentlichkeit zu tun hat, bin ich nicht der Typ.“ Nun schreibe sie wieder gerne und sei in Erinnerung an ihre ersten Veröffentlichungen froh, dass sie den Deutschen Buchpreis nicht bekommen habe. Der deutsche Autor Bodo Kirchhoff wurde für „Widerfahrnis“ ausgezeichnet, Eva Schmidt hatte aber aufhorchen lassen, kam neben dem Preisträger mit vier weiteren Kollegen in die engere Auswahl für die wichtige Auszeichnung im deutschsprachigen Raum.

Beobachtungen

Unabhängig von der Aufnahme auf die Shortlist sei für sie das Schreiben wieder ins Fließen geraten, erzählt sie. „Die untalentierte Lügnerin“ wurde sofort nach „Ein langes Jahr“ begonnen und bereits im Sommer letzten Jahres fertiggestellt. Sie arbeitet bereits an einem neuen Roman. Das Thema steht in Kontrast zum vorliegenden Buch, denn im nächsten Werk gehe es um ältere Menschen. Die Basis bilden so oder so Beobachtungen. „Wenn ich mit Menschen zu tun habe, sind es die Gesten und die Mimik, die ich aufnehme und die in eine Figur einfließen.“ Manche Eigenschaften ihrer Kinder spielten eine Rolle, dennoch brauche niemand in der Familie oder im sozialen Umfeld davon auszugehen, dass er gemeint ist. Und wenn mit der Hauptfigur Maren eine junge Frau beschrieben ist, die sich schwer tut, das zu finden, was sie erfüllt, die aber so etwas wie Lebenslügen enttarnt, und wenn ein unspektakuläres Scheitern zum Thema wird, dann steckt auch ein wenig von Eva Schmidt selbst drin. „Nichts davon ist allerdings autobiografisch und es ist nicht mehr als eine Orientierungslosigkeit, die ich empfunden habe.“ Sie selbst sei in einer anderen Zeit jung gewesen. „Meine Zeit war eine rebellische Zeit, ich empfand mich in Opposition zu den Erwachsenen, manchmal war das auch riskant, ich bin untergetaucht, aber es waren eben die Jahre 1968 und 1969.“

In Bregenz verortet

Eine wilde Zeit habe sie selbst erlebt, die es für die jungen Leute heute so gar nicht mehr gibt. Auf ihrem konfliktreichen Weg lässt ihre Figur Maren die Leser dennoch nahe und mitfühlend an sich heran, die Beziehung zur Mutter ist belastend, jene zum Stiefvater obsessiv. Das Scheitern ist zudem kein durchgehendes Motiv. „Für mich ist bei Maren insofern eine Entwicklung erkennbar, als sie aus dem Familiengeflecht herauskommt. Mit dem Fotografieren findet sie etwas, das ihr gefällt.“

Die Geschichte ist übrigens in Bregenz verortet, mit dem Kunsthaus, in dem Maren einen Job findet. „Es ist einfach mein Kosmos“, erklärt die Autoren, „die anderen sehnen sich danach zu reisen, ich wüsste nicht, warum ich Orte erfinden sollte.“

Sie verspüre als Autorin mittlerweile zunehmend Gelassenheit. Die Angst, wie es wohl weitergeht, die Sorge, ob die Geschichte überhaupt aufgeht, habe sie früher durchaus ergriffen. Im Idealfall schreibt sie nun etwa drei Stunden am Tag, nur in intensiven Phasen sitzt sie länger am Schreibtisch. Verworfen wurden bei diesem Buch nur noch ein paar Ideen. Ihr erster Leser ist der in München tätige Agent, danach erst wird ein Familienmitglied mit den Texten konfrontiert. In den meisten Fällen ist es ihre Tochter Laura.

„Bregenz ist mein Kosmos. Ich wüsste nicht, warum ich Orte erfinden sollte.“

Zur Person

Eva Schmidt

Geboren 1952 in Lustenau

Tätigkeit Schriftstellerin

Publikationen „Ein Vergleich mit dem Leben“, „Reigen“, „Zwischen der Zeit“, „Ein langes Jahr“, „Die untalentierte Lügnerin“

Auszeichnungen Shortlist zum Deutschen Buchpreis mit „Ein langes Jahr“, Rauriser Literaturpreis, Manuskriptepreis des Forum Stadtpark, Nicolas-Born-Preis u.a.

Wohnort Bregenz

Lesung von Eva Schmidt aus „Die untalentierte Lügnerin“ am 7. März, 20 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz.