Als Vorarlberger Schweizer sein wollten

06.03.2019 • 20:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Für den Abend in zwei Teilen erhielten der Österreicher Thomas Arzt und der Schweizer Gerhard Meister einen Stückauftrag. köhler
Für den Abend in zwei Teilen erhielten der Österreicher Thomas Arzt und der Schweizer Gerhard Meister einen Stückauftrag. köhler

Gerhard Meister ist Mitautor eines Stücks zum „Kanton übrig“, das am Landestheater uraufgeführt wird.

Christa Dietrich

Bregenz Dass die Vorarlberger vor hundert Jahren fast Schweizer geworden wären, liest man zwar immer wieder, den Tatsachen entspricht das so allerdings nicht. Zwar votierten bei einer Volksabstimmung im Mai 1919 über 80 Prozent für die Aufnahme von Anschlussverhandlungen mit der Schweiz, derlei Unterredungen fehlten aber von Vornherein wesentliche rechtliche Grundlagen. Interessant bleibt im Zusammenhang mit dem „Kanton Übrig“, wie die Schweizer das abgewiesene Land schließlich betitelten, dass es zum Teil dieselben Menschen gewesen sein mussten, die einmal Schweizer und damit Teil einer Demokratie werden wollten und die sich nicht einmal 20 Jahre später gegen die Demokratie und für die Diktatur, nämlich den Anschluss an das Deutsche Reich, entschieden.

Stückaufträge

Einem Österreicher und einem Schweizer hat Intendantin Stephanie Gräve einen Stückauftrag erteilt. Thomas Arzt (geb. 1983) hat erst jüngst für das Tiroler Landestheater mit „Die Österreicherinnen“ einen kritischen Text zur Zeitgeschichte verfasst. Von Gerhard Meister (geb. 1967) spielte das Wiener Burgtheater vor Jahren das Stück „Fluchtburg“ über Armut und Reichtum und das Zürcher Schauspielhaus führte sein Werk „Das große Herz des Wolodja Friedmann“ über den Umgang der Schweiz mit Geflüchteten auf.

„Der 27. Kanton“ lautet der Titel der bevorstehenden Uraufführung eines Dramas am Vorarlberger Landestheater in Bregenz, das aus den voneinander unabhängigen Stücken „Die Verunsicherung“ von Arzt, in dem von Landvermessern, Sehnsüchten und Ängsten die Rede ist, und „Lauter vernünftige Leute“ von Meister besteht. „Ich bin gespannt, wie sich daraus ein Gesamtabend ergibt“, erläutert der Schweizer Schriftsteller im Gespräch mit den VN, dass es sich um keine Gemeinschaftsarbeit mit seinem österreichischen Kollegen handelt. Gerhard Meister hat einen Text für ein Kollektiv verfasst, es ist ein Drama, dessen Zeitstationen mit 1919, 1938, 1945 und 2019 festgelegt sind. Ausgangspunkt ist das historische Ereignis, das Meister als „Anekdote“ bezeichnet: „Es ist für mich faszinierend, dass es überhaupt möglich ist, dass sich Menschen so rasch umentscheiden können. Es handelt sich ja um Menschen, die gerade die Last des Krieges ertragen hatten, die bereit waren, sich für das Kaiserreich töten zu lassen und plötzlich hatten sie sich dazu entschlossen, sich eine neue nationale Identität zuzulegen.“ In keinem Ereignis komme derart deutlich zum Ausdruck, dass die nationale Zugehörigkeit ein Konstrukt ist. Sein Stück sei deshalb als Anordnung von Szenen zu verstehen, in denen mit nationaler Zugehörigkeit gespielt wird.

Beunruhigende Tendenzen

Keinesfalls habe Meister beabsichtigt, die Vorarlberger mit ihren Entscheidungen, die auch ökonomisch begründet waren, vorzuführen. Er pflichtet bei, dass sein Text einen satirischen Einschlag hat, grundsätzlich habe er die Geschichte als Beispiel dafür genommen, was in Europa passiert ist und „leider immer wieder passiert“. Das Erstarken nationalistischer Tendenzen in der Gegenwart sei letztlich beunruhigend und das Unheimliche am Nationalismus sei, dass die Menschen irrational agieren.

„Das Unheimliche am Nationalismus ist, dass die Menschen irrational agieren.“

Die Uraufführung von „Der 27. Kanton“ („Die Verunsicherung“, „Lauter vernünftige Leute“) findet am 8. März, 19.30 Uhr, im Bregenzer Kornmarkttheater statt.