Ein Werk von einsamer Größe

07.03.2019 • 18:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit Händels Messias hat begonnen, was nun unter der Leitung von Benjamin Lack mit Bachs Matthäus-Passion fortgesetzt wird. Zwischentöne/Mathis
Mit Händels Messias hat begonnen, was nun unter der Leitung von Benjamin Lack mit Bachs Matthäus-Passion fortgesetzt wird. Zwischentöne/Mathis

Die Montforter Zwischentöne stellen Bachs Matthäus-Passion in ein ungewöhnliches Umfeld.

feldkirch „Ich glaube, man kann dieses Werk gar nicht hoch genug einschätzen, weil es in seiner Form, seiner Größe, seiner ganzen Gewichtung und Substanz nichts Vergleichbares gibt“, so im VN-Gespräch der Feldkircher Chorleiter Benjamin Lack, der mit der Aufführung von Bachs singulärer Matthäus-Passion im aktuellen Turnus der Montforter Zwischentöne vor einer persönlichen Premiere und einer der größten Herausforderungen seines Musikerlebens steht.

Dasselbe gilt für den mit einem schlanken Klangbild ausgestatteten Kammerchor Feldkirch, denn das Werk gilt nicht nur wegen seiner kräfteraubenden Dauer von drei Stunden, in denen Spannung und Konzentration gehalten werden müssen, sondern vor allem auch wegen seiner durchgehenden Doppelchörigkeit mit der damit verbundenen virtuosen polyphonen Struktur als einer der größten Brocken der geistlichen Chorliteratur überhaupt. Der Chor repräsentiert dramatisch das oft gegen Jesus aufgebrachte Volk und bringt wie Säulen im Geschehen wirkende Choräle ein, während die Geschichte selbst vom Evangelisten erzählt wird und die kontemplativen Arien den ausgewählten Solisten mit der Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger an der Spitze anvertraut sind. Entsprechend intensiv wurde in den vergangenen Monaten geprobt, und so wie bei Händels „Messias“ im Herbst 2016 bei diesem Festival wird auch diesmal durch die Mitwirkung des Götzner Barockorchesters Concerto Stella Matutina eine Aufführung in entsprechend authentisch phrasierter Musizierpraxis garantiert.

Darüber hinaus geht es neben dem rein Musikalischen aber vor allem auch um den geistig-religiösen Inhalt dieses Werkes, der genau genommen weit über die reine Leidensgeschichte Jesu hinausführt. Die Kuratoren der Zwischentöne, Folkert Uhde und Hans-Joachim Gögl, bleiben dabei ihren zum Markenzeichen des Festivals gewordenen Gestaltungsansätzen treu, mit zeitgemäßen Elementen wie Video-Installationen, Lichtregie und Gesprächen diese Inhalte zu hinterfragen, das Werk damit auf eine subtile Art zu inszenieren und für die Zuhörer verständlich zu machen, ohne Bachs Werk Gewalt anzutun.

Mit Historiker Meinrad Pichler

Etwa, wenn es um die persönliche Verantwortung gegenüber dem Meinungssog der Mehrheit geht, mit dem Verrat an Jesus und dessen Verspottung, die zur zentralen Fragen dieses Oratoriums wird. Für deren Verdeutlichung auf spezielle Art hat man sich den Bregenzer Historiker Meinrad Pichler ins Boot geholt. Er ist mit seiner wissenschaftlichen Beschreibung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, aber auch als lebendiger Erzähler für die beiden Kuratoren der ideale „Vorarlberger Chronist der Zivilcourage“, der im Konzert über ganz normale Menschen im Land berichten wird, die in einem schwierigen Moment Wahrhaftigkeit und Mitgefühl über ihr eigenes Interesse gestellt haben.

Die letzte Aufführung der Matthäus-Passion in Vorarlberg fand im Jahr 1993 im Landeskonservatorium Feldkirch unter dem damaligen Direktor Günther Andergassen statt. JU

Samstag, 9. März, Montforthaus Feldkirch, Matthäus-Passion von J. S. Bach, 16 Uhr Video-Installation, 17 Uhr, Konzertbeginn.