Großtat von elementarer Kraft

Kultur / 10.03.2019 • 19:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bachs „Matthäus-Passion“ wurde unter Benjamin Lack im ausverkauften Montforthaus in Feldkirch aufgeführt.M. rhomberg
Bachs „Matthäus-Passion“ wurde unter Benjamin Lack im ausverkauften Montforthaus in Feldkirch aufgeführt.M. rhomberg

Aufwühlende „Matthäus-Passion“ bei den Montforter Zwischentönen mit Künstlern der Region.

feldkirch Als Bachs „Matthäus-Passion“ mit dem Tod Jesu ihren Höhepunkt erreicht hat, stimmte der ganze Saal in den Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ ein. Ein Evangelist im Traumformat formte die Geschichte zum Krimi und wurde mit einem Jubelorkan belohnt. Das waren Eindrücke, die bei den „Montforter Zwischentönen“ im ausverkauften Montforthaus wie Leuchttürme aus einem Abend herausragten, der qualitativ höchste Erwartungen übertraf und auch in vier Stunden nichts an Dramatik und Spannung einbüßte. Mit einem Ruhepuls, aus dem sich aus dem Geiste Bachs eine Großtat von elementarer Kraft schälte.

Die Montforter Zwischentöne mit ihren beiden Kuratoren Folkert Uhde und Hans-Joachim Gögl haben wieder einmal den rechten Riecher bewiesen, wie man auch mit einem eher sperrigen Thema wie „Widerstehen – über Mut, Courage und Protest“ überzeugen kann. Nicht mit einer „gewöhnlichen“ Wiedergabe von Bachs singulärer „Matthäus-Passion“, sondern mit Ideen und Fantasie angereichert, die in einer Art Inszenierung das Geschehen für die Besucher verdeutlichen. Händels „Messias“ war vor gut zwei Jahren quasi der Prototyp dafür, damals im ersten Überschwang noch mit manchmal störend überzogenen Elementen. Das hat sich diesmal auf ein vernünftiges Normalmaß eingependelt. Die Solisten erscheinen leise wie in Zeitlupe aus dem Nichts, eine perfekte Lichtregie unterstreicht die Dramatik des Geschehens, Videozuspielungen verdeutlichen und verdoppeln das Livegeschehen auf einer großen Leinwand.

In sich geerdete Version

Und das Wichtigste: Trotz alledem steht die Musik mit der genial vertonten Leidensgeschichte Jesu stets unangefochten im Mittelpunkt. Da hat Benjamin Lack wieder einmal ganze Arbeit geleistet, sich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt und eine fließende, in sich geerdete Version erstellt, die in Präzision, Balance und Perfektion keinerlei Schwachstellen aufweist und dazu in ihrer Kompaktheit, Lebendigkeit, aber auch ihrer konsequenten Vermittlung der Glaubensgrundsätze mitreißt. Mit dem Kammerchor Feldkirch hat sich Lack seit Jahren ein Instrument herangebildet, das nun zu voller Größe gereift ist, sich in konsequenter Doppelchörigkeit in zwei Blöcken zu jeweils gerade 20 Sängern als Volk in Alltagskleidung miteinander und gegeneinander präsentiert und dabei nichts an schlanker Leichtigkeit der Koloraturen, Power und Wortdeutlichkeit schuldig bleibt. Auch Spannung und Konzentration sind bis zuletzt unvermindert vorhanden – eine hochprofessionelle Sternstunde für dieses Ensemble! Gleiches gilt auch für das ebenfalls in zwei kompletten Orchestergruppen aufspielende großartige Concerto Stella Matutina in pompöser Besetzung mit seinen exzellenten Solisten wie den beiden Konzertmeistern, den Flöten, Blockflöten, den Oboen und der Gambe, die die Arien der Vokalsolisten virtuos konzertierend umspielen, und dem Orgelcontinuo.

Die Solistenriege wird von der Bregenzer Sopranistin Miriam Feuersinger angeführt, die in ihren Arien auf besondere Art Schlichtheit und Noblesse mit makelloser Höhe zum bewunderten Ereignis verbindet. Eine Sensation für sich ist Daniel Johanssen, der als Evangelist über ein unglaubliches Repertoire an Ausdrucksvarianten und Erzählweisen und dazu über einen hellen, blitzsauber intonierenden, präsenten Tenor verfügt. Nach kleiner Anlaufzeit gibt auch Bassbariton Dominik Wörner einen würdigen Christus ab, dessen Aussagen Bach immer mit dem Strahlenkranz einer Streicherbegleitung ausstattet. Wunderbar warme, innige Töne kommen von der Mezzosopranistin Margot Oitzinger, Bariton Matthias Helm ist ein herrischer Pilatus. Dass die Solisten ihre Auftritte auch mit gestischen und mimischen Mitteln anreichern, gehört zum Konzept dieses Abends.

Erschütterndes aus Vorarlberg

Dann sind da noch als wichtiges Gestaltungselement aus der Passion heraus Aussagen von Mitbürgern, die per Video aus ihren Erinnerungen zum Thema „Widerstand im Alltag“ erzählen. Dieser Aspekt erhält durch den Historiker Meinrad Pichler beklemmende Intensität und Aktualität, wenn er aus seinen Forschungen zu den letzten Kriegsjahren in Bregenz berichtet: von einem Instrumentenbauer, der sich trotz guten Zuredens sogar durch den Pfarrer partout dem Naziregime verweigerte und 1941 hingerichtet wurde, von einer Petition von Bürgern, man möge „mit dem Judenpack abfahren“ und von der Scham einstiger Nazi-Anhänger, die ihre Taten nach Kriegsende ohne Reue verschwiegen. Man kommt auch aus diesem Grund einen Abend lang aus Staunen und Erschütterung nicht heraus. Dass dieses Gesamtpaket zum Großteil von Kräften aus der Region bestritten wird, erhöht seinen Stellenwert.

Nächste Montforter Zwischentöne: „Entdecken, riskieren, finden, suchen“, 6. bis 30. Juni.