Annäherung an eine selbstbewusste Frau

15.03.2019 • 17:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Ingrid Wiener und die Kunst der BefreiungCarolin Würfel,Hanser, 192 Seiten

Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung

Carolin Würfel,

Hanser, 192 Seiten

Geschichten von einer Aufbruchszeit, von Kunst und Kulinarik.

Porträtbuch Die Wiener Gruppe zeichnete sich nicht eben durch ihren hohen Frauenanteil aus. Umso erstaunlicher, dass nun Bücher von Frauen erschienen sind, die sich mit der Aufbruchszeit der 1960er-Jahre beschäftigen. Während sich Ida Szigethy vor allem an ihre Beziehung zu Konrad Bayer erinnert, stehen in „Ingrid Wiener und die Kunst der Befreiung“ nicht die Männer im Mittelpunkt. Die deutsche Journalistin Carolin Würfel erzählt in ihrem Porträtbuch viele wunderbare Geschichten über eine selbstbewusste Frau, die mitten drinnen war in der vielleicht wichtigsten künstlerischen Bewegung der Nachkriegszeit in Österreich. Schon als Teenager war die 1942 in Wien geborene Ingrid Schuppan eine außergewöhnliche Erscheinung. „Mit diesem Aussehen würde Ingrid die Mitschüler vom Lernen abhalten, behauptete der Lehrer.“

Das Buch zeichnet ein lebendiges Bild jener bleiernen Zeit und zeigt gleichzeitig den Lebenshunger und Mut dieser Frau, die auf Konventionen pfeift und sich vom unangepassten Künstlerleben magisch angezogen fühlt. Doch Ingrid will weder in einem Büro versauern noch als Muse bedeutender (oder sich bedeutend fühlender) Männer ihr Leben verbringen. Sie besucht daher die Textilschule, wo sie sich mit Waltraud Höllinger (die als VALIE EXPORT Karriere machen wird) anfreundet. Unter den vielen Künstlern, in deren Umfeld sich die junge Frau bewegt, sind ihr zunächst Konrad Bayer und Ferry Radax am nächsten. Ingrid Schuppan und der Dichter Oswald Wiener werden ein Paar und heiraten 1965 in aller Stille. Was in den kommenden Jahren folgt, ist nicht nur in die Kunstgeschichte eingegangen. Der Wiener Aktionismus entlädt sich in der „Kunst und Revolution“-Aktion im Hörsaal 1 der Uni Wien. Die Polizei verfolgt die Teilnehmer, auch Oswald Wiener muss für drei Monate in Untersuchungshaft. Die Wieners übersiedeln nach Berlin.

Sie eröffnen Lokale, die dank Ingrids Kochkünsten den bisher vor allem auf Buletten und Würstchen angewiesenen Berlinern das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ihr Restaurant „Exil“ wird Treffpunkt der Künstler, in dem sich auch Stars wie David Bowie oder Peter O‘Toole wohlfühlen. „Ingrid Wiener war für mich ein großes Vorbild und hat mir durch ihren Lebensweg Mut gemacht“, wird Stieftochter Sarah Wiener auf der Umschlagseite zitiert. Carolin Würfel ist eine lebendige, doch nicht anbiedernde Annäherung an einen hoch interessanten Menschen gelungen.