Beatrice Cenci kämpft weiter

Kultur / 19.03.2019 • 21:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vom Premierenpublikum in Straßburg gefeiert: „Beatrice Cenci“ von Ginastera. Oper/Beck
Vom Premierenpublikum in Straßburg gefeiert: „Beatrice Cenci“ von Ginastera. Oper/Beck

Das Thema ist spannend, bei den Festspielen war es ein Werk von Goldschmidt, nun ist es jenes von Ginastera.

Straßburg, bregenz Bestimmt, selbstsicher, jedoch enorm berührend blickt die junge Frau auf dem berühmten, Elisabetta Sirani zugeschriebenen Bildnis auf die Welt zurück. Es soll sich um ein Porträt jener Beatrice Cenci (1577-1599) handeln, die in Rom wegen der von ihr mitangestifteten Ermordung ihres Vaters hingerichtet wurde. Das Bregenzer Publikum kennt die Geschichte seit dem letzten Sommer: Der reiche Adelige Francesco Cenci, der sich der Verurteilung nach diversen Schandtaten immer wieder unter anderem durch Geldgaben an die Kirche entzogen hatte, terrorisierte die Familie und vergewaltigte die gegen die Unterdrückung ankämpfende Tochter. Gnadengesuche beim Papst wurden von diesem abgelehnt, auf die Selbstjustiz der Opfer reagierte das Gericht mit Folter und Enthauptung. Danach hatte sich die Kirche den Cenci-Besitz äußerst günstig einverleibt.

Zuerst Bregenz, dann Straßburg

Bildende Künstler wie Schriftsteller und Komponisten hat das Schicksal von Beatrice  angeregt. Die auf dem Drama von Percy Bysshe Shelley basierende, in England entstandene Oper von Berthold Goldschmidt (1903-1996) wurde im Vorjahr als Produktion der Bregenzer Festspiele erstmals in Österreich und mit dem deutschen Libretto aufgeführt. Damit erfolgte zudem die Wiederbegegnung mit einem in der Nazizeit vertriebenen Künstler. Regisseur Johannes Erath hat auch die politische Dimension sowie die Verstrickungen der katholischen Kirche in das Macht- und Missbrauchsgeflecht hervorgehoben. Seit vergangenem Wochenende und bis 30. Mai ist das erwähnte Beatrice-Cenci-Bildnis aus dem Louvre im Musée des Beaux-Arts in Straßburg zu sehen. Der “tragischen Heldin” ist eine kleine Ausstellung gewidmet, weil sich die Opéra du Rhin ihres Schicksals annimmt. Intendantin Eva Kleinitz, vor Jahren in leitender Funktion in Bregenz, hat in ihren engagierten Spielplan mit mehreren weniger bekannten Werken die 1971 in Washington uraufgeführte Opernversion des Argentiniers Alberto Ginastera (1916-1983) aufgenommen.

Subtil politisch

Mariano Pensotti, der Regisseur, und Mariana Tirantte, die Ausstatterin, stammen ebenfalls aus Argentinien und bringen die Drehbühne im klassizistischen Gebäude im Zentrum der Hauptstadt des Grand Est ordentlich in Schwung. Nicht nur der Szenenwechsel während der eineinhalbstündigen Aufführung muss reibungslos verlaufen, kein Raum entgeht der Machtbefugnis dieses Cenci, der sich hier im Ambiente des späten 20. Jahrhunderts mit Kunst umgibt. Bilder wie Skulpturen, aber auch die Handelnden, besonders Beatrice, erhalten seine Prägung. Außerstande individuell die Flucht zu planen, findet Beatrice auch beim feigen Kirchenmann Orsino keine Unterstützung. Inhaltlich unterscheiden sich die Werke von Goldschmidt und Ginastera kaum, Letzteres wirkt aufgrund des artifiziell aufgeladenen Librettos etwas unterkühlt, aber noch suggestiv.

Leticia de Altamirano in der Titelrolle in der Straßburger Produktion. Oper/Beck
Leticia de Altamirano in der Titelrolle in der Straßburger Produktion. Oper/Beck

Das Straßburger Leading-Team trachtet etwa nicht nach Ausgleich durch emotionale Anreicherung der Bilder, im Gegenteil, das Schicksal der getöteten Cenci-Söhne wird über einen surrealen Film transportiert und wenn man eine Skulptur entdeckt, die sich auch in der berühmt gewordenen, komplexen Installation mit dem Bienenkorb von Pierre Huyghe auf der Weltkunstschau Documenta 13 in Kassel befand, erhellt sich die Zugangsweise. Die Geschichte der Beatrice wird mit vielen, subtil politischen oder kulturphilosophischen Anspielungen erzählt. Entlarvt man nicht alle, so bieten schon einige in Verbindung mit dem Handlungsstrang Spannung. Und am Ende steht nicht das Schafott, das empathielos zurechtgedrillte Arbeitervolk schachtelt kleine Beatrice-Figürchen ein, während sich der Sargdeckel über der jungen Frau schließt.

Anders als in Orchesterwerken lässt Ginastera seine Herkunft in “Beatrix Cenci”, so der Originaltitel der auf spanisch gesungenen Oper, nur erahnen. Die Beschäftigung mit Bartók wird hörbar, der Partitur, die auch perkussive und barocke Elemente aufweist, verleihen die Straßburger Philharmoniker unter Marko Letonja jenen Drive, der die Story vorantreibt, aber die charakterliche Entfaltung der durchwegs guten Stimmen – etwa von Leticia de Altamirano in der Titelrolle – nicht trübt. Schade, dass solche Opernprojekte – in Straßburg immerhin von einer Ausstellung begleitet – nach wenigen Aufführungen wieder von der Bildfläche verschwinden.

Gal James und Christoph Pohl in
Gal James und Christoph Pohl in “Beatrice Cenci” in Bregenz. VN/Steurer

Weitere Aufführungen der Produktion “Beatrice Cenci” von Ginastera an der Oper in Straßburg am 21., 23. und 25. März und in der Filature in Mulhouse am 5. und 7. April.

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