Streitbare und sensible Beobachterin des Alltags

Kultur / 29.03.2019 • 22:33 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Auch beim Filmfestival im nahegelegenen Locarno erhielt Agnès Varda einen Ehrenpreis für ihr Schaffen. apa/Flueeler
Auch beim Filmfestival im nahegelegenen Locarno erhielt Agnès Varda einen Ehrenpreis für ihr Schaffen. apa/Flueeler

Die großartige Filmregisseurin Agnès Varda ist 90-jährig gestorben.

Paris Einfache, am Rande der Gesellschaft lebende Menschen und banale Dinge des Alltags: Die Filme von Agnès Varda zeichnen sich durch Neugierde am Alltäglichen und durch Respekt vor den Menschen aus. Erfolg und Karriere suchte sie nicht. „Ich will die Menschen sensibilisieren, sie ansprechen, sie berühren. Wenn ich das schaffe, bin ich glücklich“, sagte sie einmal. Nun ist die Regie-Ikone und Pionierin des Autorenkinos im Alter von 90 Jahren in Paris gestorben.

Einfühlsame, poetische Filme

„Ich habe noch nie Reiche und Wohlhabende gefilmt“, sagte Varda in einem Interview im vergangenen Jahr. So erzählt sie in „Vogelfrei“ (Originaltitel: „Sans toit ni loi“) die Geschichte einer Frau, die als Landstreicherin durch Südfrankreich zieht und den Kältetod stirbt. Dafür wurde Varda 1985 als eine von wenigen Frauen bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Bewegende Frauenporträts zeigt sie in „Die Witwen von Noirmoutier“ („Quelques veuves de Noirmoutier“). Ein Film, der gleichzeitig ihre eigene Witwenschaft widerspiegelt. Varda hatte 1990 ihren Mann, den Regisseur Jacques Demy, verloren, mit dem sie auf der französischen Atlantikinsel Noirmoutier regelmäßig ihren Urlaub verbracht hatte. „Die Sammler und die Sammlerin“ (Originaltitel: „Les glaneurs et la glaneuse“) handelt von Menschen, die noch heute aus Not nach der Ernte oder dem Wochenmarkt Kartoffeln und Äpfel auflesen. Varda hat einfühlsame und poetische Filme gedreht, die zwischen Fiktion und Dokumentation schwanken, sie hat die halbe Welt fotografiert und wurde in den 70er-Jahren auch als Installationskünstlerin bekannt. Zu ihren bekanntesten Werken gehören ihre „Cabanes“: Hütten, die teilweise aus Kopien ihrer alten 35-mm-Filme bestehen. Das Konzept dahinter: „So verwerte ich meine Erinnerungen wieder, eine Art Recycling meines Lebens.“ Varda wurde als Tochter eines Griechen und einer Französin in Brüssel geboren, flüchtete jedoch während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern nach Sète. In Paris besuchte sie die Pariser Hochschule für Fotografie und arbeitete beim ersten Theaterfestival in Avignon 1947 als Bühnenfotografin. Als Fotoreporterin reiste sie durch China, Afrika, Amerika und die Sowjetunion. Erst Anfang der 1950er-Jahre näherte sie sich dem Film.

Vielfach ausgezeichnet

Goldener Löwe, Ehren-César, Ehrenleopard, Palme d’honneur: Agnès Varda ist in ihrer über 60-jährigen Karriere mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft worden. Zu Kopf gestiegen sind ihr die Trophäen jedoch nicht, auch nicht der Ehren-Oscar im Jahr 2017. Mit der Doku „Augenblicke: Gesichter einer Reise“, die sie mit dem bekannten Streetart-Künstler JR gedreht hat, wurde sie im Frühjahr 2017 in Cannes gefeiert. Für den Film reiste sie zusammen mit JR in einem Fotomobil durch das ländliche Frankreich. Dabei begegneten sie Fabrikarbeitern und Bauern, deren Porträts sie auf Fassaden und Schiffscontainern anbrachten. Der Film wurde 2018 auch für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert.