Von Schuld, Erlösung und Geständnissen

Kultur / 29.03.2019 • 19:56 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lieber woandersMarion BraschS. Fischer160 Seiten

Lieber woanders

Marion Brasch

S. Fischer

160 Seiten

Feines Buch über Zufälle und Gedankenspiele von Marion Brasch.

Roman Sie hat einmal gesagt, zur Schriftstellerei sei sie über die Geschichte ihrer Familie gekommen. Und das ist sogar doppeldeutig: Marion Brasch tritt einerseits in die großen Fußstapfen ihrer Autoren-Brüder, andererseits macht sie gerade selbst mit einer Autobiografie über ihre Geschwister 2012 den ersten Schritt in die Literatur. Jüngst ist ihr neuer Roman „Lieber woanders“ erschienen.

„Die Buddenbrooks des Ostens“ nannte die „FAZ“ einmal Familie Brasch. In ihrem hochgelobten Debüt „Ab jetzt ist Ruhe“ erzählt die jüngste Tochter Marion von ihrem Vater Horst, einem Kulturfunktionär in der SED-Spitze, und von den großen Brüdern, allesamt Aufmucker: Thomas, der begnadete Schriftsteller („Vor den Vätern sterben die Söhne“) und Filmemacher, der der DDR 1976 den Rücken kehrt; Klaus, der sich als Schauspieler („Solo Sunny“) einen Namen macht; und Hörspielproduzent Peter, der später als Autor („Schön hausen“) arbeitet. Alle drei sterben vor ihrer Zeit.

„Lieber woanders“ ist mittlerweile das vierte Buch der 1961 geborenen Berlinerin. Darin beschreibt sie 24 Stunden, in denen sich die Ich-Erzähler Toni und Alex langsam aufeinander zubewegen. Gelegenheitskellnerin und Buchillustratorin Toni lebt in einem Wohnwagen auf dem Dorf und malt sich in Gedanken ein schöneres Leben aus. Sie gibt sich die Schuld an einem Unfall, bei dem ihr kleiner Bruder ums Leben kam. Familienvater Alex arbeitet als Roadie einer Rockband und trifft sich heimlich mit seiner Geliebten. „An zwei Orten gleichzeitig sein, das wäre auch gut“, träumt er einmal. Unabhängig voneinander machen sie sich auf den Weg in die Stadt: Der Mann, weil seine Tochter im Krankenhaus liegt, die junge Frau, weil sie ihren Verleger und den entfremdeten Vater treffen will.

Bezaubernde Kontrapunkte

Das Wissen des Lesers und das Nichtwissen der Figuren sind das treibende Moment des Romans. Im Wechsel sprechen die Hauptpersonen, mehr und mehr festigt sich ihre Kontur. Brasch hat nicht erst den einen und dann den anderen Teil des Romans geschrieben, sondern chronologisch gearbeitet. „Ich wollte mit den beiden immer auf Augenhöhe bleiben und trotzdem der Chef sein, wenn ich beginne, mich zu langweilen“, sagt die Autorin. Und tatsächlich: Sie hält die Fäden in der Hand. Als sich beide schon in der Bahn hätten treffen können, lässt Brasch etwa ihre Toni doch noch eine Runde auf der Suche nach einem Telefon drehen. In „Lieber woanders“ geht es um Schuld und Erlösung, Vergebung und Geständnis. Brasch arbeitet an ihrem zentralen Konflikt mit einer Vielzahl an Metaphern. Darüber setzt sie einen allwissenden Erzähler, der vom Ende her denkt und zum Teil zu den Lesern spricht. So gibt Brasch der Schwere ihrer Geschichte bezaubernde Kontrapunkte. Sie wehrt sich gegen eine allzu trübe Stimmung. „Lieber woanders“ ist ein feines Buch über Zufälle und Gedankenspiele und über das wunderbare Prinzip der Ziellosigkeit.

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