Man hat das Leid sehen können

13.04.2019 • 13:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
 Die Arbeiten von Marko Zink fordern nun in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zur Auseinandersetzung auf.  Zink, VN/cd

Die Arbeiten von Marko Zink fordern nun in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zur Auseinandersetzung auf.  Zink, VN/cd

Marko Zink thematisiert in Mauthausen Geschichte und Erinnerungskultur.

Christa Dietrich

Mauthausen Mindestens 90.000 Menschen wurden im KZ Mauthausen, dem größten Vernichtungslager der Nationalsozialisten in Österreich, ermordet, viele starben noch nach der Befreiung durch eine Division der US-Armee Anfang Mai 1945. Sie waren bereits zu geschwächt. Bei Schwerstarbeit, etwa im nahegelegenen Steinbruch, die Nahrung weitgehend zu entziehen, zählte neben Erschießungen oder Ersticken durch Gas zu den Tötungsarten. Kranke wurden für medizinische Forschungen missbraucht oder bis zum grausamen Tod sich selbst überlassen.

Unweit einer solchen Baracke befand sich jener Fußballplatz, auf dem Turniere der Lagerleitung ausgetragen wurden, die auch Zuschauer aus der Zivilbevölkerung verfolgen konnten. Man kann davon ausgehen, dass die Gequälten zu sehen oder zu hören waren. Von einigen der damals schon bestehenden Höfen aus war das Lager durchaus sichtbar. Vermittlungsarbeit geschehe heute so, dass sich die Besucher, darunter sind jährlich etwa 70.000 Schüler, selbst fragen, wie viele Handlungsoptionen die Bevölkerung damals hatte und welche heute jeder Einzelne hat, erklärt Barbara Glück, die Direktorin der Gedenkstätte.

Sie hat ein Fotokunstprojekt von Marko Zink, das zuvor, wie berichtet, in Wien gezeigt wurde, in die Gedenkstätte geholt, mit deren Geschichte sich der 1975 geborene Vorarlberger Künstler intensiv beschäftigt hat. Ein Bild zeigt einen leicht verschneiten Acker in der Nähe des Lagers. Tausende Leichen wurden dort kurz vor der Befreiung des Lagers verscharrt. Nicht einmal eine Hinweistafel erinnert heute noch daran. Mit jeweils bearbeiteten, analogen Aufnahmen verweist Zink subtil und eindrücklich einerseits auf das Grauen und andererseits auf die Vielschichtigkeit des Verdrängens, das damals wie in der Zeit nach 1945 geschah.

Hinterfragung

Beim Betrachten eines Lamellenbildes wird etwa die erwähnte Sportplatzgeschichte deutlich. Mit chemischen Mitteln oder Werkzeugen wurden die Aufnahmen bearbeitet und mit Zeichen versehen, die zu verschieden deutbaren Symbolen, etwa zu Zahlen oder Spuren, werden, die das Vergangene näher an den Betrachter heranrücken bzw. das Finden von Zugängen fördern. Einmal ist es eine dunkle Wolke, die wie eine Art Aschenwolke über dem Gebiet schwebt, einmal sind es Schusslöcher, die an das Schicksal jener denken lassen, denen ein Ausbruch gelang. Unterschlupf bzw. Schutz bei der Bevölkerung, bei Menschen, die ihre Handlungsoptionen hinterfragten und menschlich agierten, fanden nur ganz wenige.

Die Ausstellung mit Arbeiten von Marko Zink ist in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen bis 31. Oktober zu sehen, täglich 9 bis 17.15 Uhr: www.mauthausen-memorial.org