Da muss man zwei Mal hinschauen

14.04.2019 • 16:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Künstlerin Orly Zailer rekonstruiert Momentaufnahmen. sorko
Die Künstlerin Orly Zailer rekonstruiert Momentaufnahmen. sorko

Die Kunstfotografin Orly Zailer lässt Menschen in die Haut ihrer Ahnen schlüpfen.

Innsbruck Eine Enkelin verwandelt sich in ihre Großmutter und plötzlich schauen sich beide zum Verwechseln ähnlich. Die israelische Künstlerin Orly Zailer greift in ihren Arbeiten alte Fotos auf und rekonstruiert vergangene Momentaufnahmen. Im Rahmen der Ausstellung „AHNEN. Neue Porträts“ im FO.KU.S der BTV im Stadtforum Innsbruck bezieht die 1982 geborene Fotografin Erinnerungen auf die Gegenwart. Am 24. April wird mit der Ethnologin Edith Hessenberger eine Dialogführung stattfinden. Daran wird sich unter anderem der Direktor des Jüdischen Museums, Hanno Loewy, beteiligen.

Während ihres Studiums befasste sich Orly Zailer mit Familienfotoalben und stieß auf ein Porträt ihrer Eltern. Kurzerhand stellte sie das Bild aus dem Jahre 1972 mit ihrem Freund Nadav nach. Der Schnappschuss von damals stellt den Startschuss für ihr aktuelles Kunstprojekt dar.

Detailreiche Zeitreisen

Seit 2012 arbeitet die Künstlerin an dieser Werkserie, nun entstanden im Rahmen von INN SITU zwanzig neue Portraits in Tirol und Vorarlberg. Zahlreiche Familien stellten sich für dieses Fotoprojekt zur Verfügung und übermittelten ihre Bilder. Die Vorbereitungszeit für die Fotoshootings nahm rund zehn Monate in Anspruch. Um die Porträts möglichst detailgetreu nachzustellen, zog die Fotografin alle Register. Sie besorgte Requisiten, Kleidung und fand geeinigte Orte für die Aufnahmen. Bei ihren Werken achtet die Israelin auf jedes kleine Detail.

Für das Bild von Anna-Lena Raffeiner wurde kurzerhand ein silberner Porsche in das Skigebiet Kühtai befördert. Die Dornbirnerin Anja Gunz verwandelte sich in das Abbild ihrer Mutter Barbara Gunz. Auf den Fotos tragen beide eine gestreifte Bluse, die gleiche Frisur und halten das exakt selbe Buch in der Hand. Als Betrachter könnte man fast vergessen, dass zwischen dem originalen Bild und der Neuauflage 27 Jahre vergangen sind. Der junge Tiroler Emil Anker schlüpfte in die Rolle seines Vaters und ließ sich bei den Vorbereitungen für die Imster Fasnacht ablichten. Für dieses Shooting überließ der ursprüngliche Fotograf der Künstlerin seine Kamera, um möglichst dieselben Bedingungen wie vor 30 Jahren herzustellen. Die Regisseurin Barbara Herold, die in Bregenz lebt, ließ sich ebenfalls für die Ausstellung ablichten. Sie stellte ein Bild ihrer Mutter Renate Herold aus dem Jahre 1973 nach. Die grüne Couch, die Brille und der Gesichtsausdruck wirken zum Verwechseln ähnlich und lassen kaum einen Unterschied erkennen. 

Nostalgie

Trotz aller Ähnlichkeiten werden durch die Fotos auch Verschiedenheiten verdeutlicht. Den Beteiligten wurde die Möglichkeit eröffnet, sich in ihre Vorfahren hineinzuversetzen und die Vergangenheit noch einmal aufleben zu lassen.

Die Betrachter werden dazu angeregt, sich mit den nachgestellten Wirklichkeiten zu befassen. Einst waren es Bilder in fast vergessenen Fotoalben, heute werfen sie Fragen über die Identität und Vergänglichkeit auf.

Die Regisseurin Barbara Herold, die in Bregenz lebt, stellte ein Bild ihrer Mutter Renate Herold aus dem Jahre 1973 nach. Veranstalter
Die Regisseurin Barbara Herold, die in Bregenz lebt, stellte ein Bild ihrer Mutter Renate Herold aus dem Jahre 1973 nach. Veranstalter

Geöffnet im FO.KU.S der BTV im Stadtforum Innsbruck bis 13. Juli, Mo bis Fr, 11 bis 18 Uhr, Sa, 11 bis 15 Uhr, freier Eintritt: www.innsitu.at