SOV-Cellist Detlef Mielke: „Wir sitzen vorne an der Stuhlkante“

14.04.2019 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Detlef Mielke: „Wenn es um die Liebe geht, kommt in der Oper meist ein Cello-Solo.“  Victor Marin

Dem Cellisten Detlef Mielke ist es sehr wichtig, für jede Epoche, jeden Stil die richtige Spielweise zu finden.

Bregenz Das Symphonieorchester Vorarlberg ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiklebens in unserem Land. Es gibt in seinen Reihen Musikerpersönlichkeiten, die auch als Solisten oder in anderen Ensembles auftreten. Ihnen noch mehr Profil zu verleihen, ist das Ziel einer Serie von Interviews in lockerer Folge.

Der Cellist Detlef Mielke, 1967 in Deutschland geboren, hat sich gleichermaßen als Kammermusiker, Solist, Lehrer und Orchestermusiker profiliert. Nach einem Studium in Salzburg, Basel und Graz bei Heidi Litschauer, Heinrich Schiff und Rudolf Leopold erwarb er das Lehrdiplom und das große Konzertdiplom, beides mit Auszeichnung, und den Magistertitel mit einer Arbeit über „Jacques Offenbach als Cellist“. An der Bruckner-Uni Linz absolvierte er den Jazz-Lehrgang „Vermittlung improvisatorisch geprägter Musik“. Er war Mitglied des Hyperion-Ensembles (Streichsextett), gründete das Scaramouche-Quartett mit alten Instrumenten und das Klaviertrio 3:0, das zeitgenössische Werke in einen Dialog mit dem klassischen Repertoire setzt. Mit diesen Formationen hat er mehrere CDs eingespielt.
Er konzertierte in fast ganz Europa und machte Tourneen nach Nord- und Südamerika, China und Indien. Seit 1996 leitet er eine Celloklasse am Musikum Salzburg. Bis 2012 gab er Meisterkurse und arbeitete als Dirigent mit Jugendlichen. 2009-2011 vertrat er Prof. Imke Frank am Landeskonservatorium Feldkirch und unterrichtete zusätzlich Didaktik und Geschichte des Cellospiels und der Literatur, war auch Dozent am Mozarteum Salzburg. Seit 2010 ist Detlef Mielke Solocellist beim SOV, in Vorarlberg spielt er auch im Ensemble Plus. Er lebt mit seiner Familie in Salzburg.

Wie sind Sie zum Cello gekommen?

Mein Großvater war Organist und hat meinem Vater mit sechs Jahren ein Cello in die Hand gedrückt. Das war in Ostpreußen, es war Krieg, die Familie musste fliehen, es wurde nichts draus. Dann sollte ich Cello lernen. Ich wusste gleich: Das ist meins. Mit 14 war mir schon klar, dass ich Berufsmusiker werden würde, das war meine Sprache. In Bad Harzburg hat damals ein Salzburger Geiger ein Musikfestival gemacht, bei dem auch die Salzburger Celloprofessorin Heidi Litschauer aufgetreten ist. Mein Vater war Feuilletonredakteur und ist mit mir viel in Konzerte gegangen. Mit acht Jahren bin ich zu ihr hingegangen und habe gesagt: „Ich spiele auch Cello. Darf ich dir mal vorspielen?“ Ich habe vorgespielt, ganz wild und ungeformt. „Weißt was, Burli, im Sommer kommst zu mir nach Österreich auf’n Kurs und wir schaun, dass d’a bissl Kultur kriegst.“ Ich habe dann jedes Jahr einen Sommerkurs bei ihr gemacht und kam mit17 ans Mozarteum und dann durch ihre Empfehlung zu Heinrich Schiff nach Basel. Ich bin ein österreichischer Cellist, von der Spielweise her, nur nicht vom Dialekt. Salzburg und die österreichische Kultur haben mich gleich angezogen, das ist meine Wahlheimat.

Welche Rolle spielt das Cello im Orchester?

Das Schöne am Cello finde ich, dass wir sowohl Bassfunktion haben, als auch ein wichtiges melodisches Element sind. Wenn es um die Liebe geht, kommt in der Oper meist ein Cellosolo. Das Cello ist das Instrument, das der menschlichen Stimme am nächsten ist.

Wie war Offenbach als Cellist?

Er war ein Cellovirtuose und hat in Paris auch sehr viel Cello unterrichtet. Mit seinem Bruder, einem Geiger, hat er von klein auf in Kaffeehäusern gespielt, schöne Melodien, Unterhaltungsmusik. Von ihm gibt es extrem viel Gebrauchs- und Unterrichtsliteratur in jedem Schwierigkeitsgrad.

Sie haben sich intensiv mit der Geschichte des Cellospiels und der Celloschulen auseinandergesetzt. Inwiefern haben Sie dadurch für Ihr eigenes Spiel und den Unterricht profitiert?

Mir ist es sehr wichtig geworden, für jede Epoche, jeden Stil die richtige Spielweise zu finden. Die instrumentalen Ausdrucksmittel sind in jeder Epoche verschieden. Ich spiele auch Barockcello. In der Musik ist es heute leider so, dass es eine sehr große Spezialisierung gibt, es gibt „normale“ Musiker und Spezialisten für alte und neue Musik. Ich finde, ein Musiker sollte alle diese Bereiche berühren. Das eine inspiriert das andere.

Ihre Bandbreite reicht von Barockmusik bis zur Jazzimprovisation. Was ist da jeweils der besondere Reiz?

Gerade zwischen Barock und Jazz sind viele Dinge wahnsinnig ähnlich. Einerseits die totale Beziehung auf die Harmonie, andererseits haben sie auch im Barock extrem viel verziert, was auch eine Form von Improvisation ist. In der Frage der Artikulation haben die Barockmusiker einen ähnlichen Fanatismus wie die Jazzer.

Haben die Celli beim nächsten SOV-Konzert was Besonderes zu tun?

Die Schostakowitsch-Symphonie ist sehr offen und filigran komponiert. Kontrabässe und Celli haben eine wichtige Rolle.

Was sagen Sie zu Leo MacFall als nächstem SOV-Chefdirigenten?

Ich finde ihn einen unheimlich tollen Musiker und großen Dirigenten und glaube, dass sich eine ganz tolle Zusammenarbeit entwickeln wird. Er ist der ideale Kandidat. Er steht auch voll zum Orchester.

Was ist für Sie das Besondere am SOV?

Dadurch, dass wir kein Dienstorchester sind, sind alle topmotiviert und sitzen vorne an der Stuhlkante und wollen spielen. Viele Orchestermitglieder sind sehr vielseitig, sie unterrichten und spielen in kleinen Ensembles. Und es ist vor allem ein sehr offenes und nettes und freundliches Orchester. Das kann auch ganz anders sein. Ulrike Längle

Detlef Mielke spielt am 13. und 14. April mit dem SOV in Feldkirch und Bregenz und am 17. Mai im Haus der Musik in Innsbruck mit dem New Classic Ensemble.

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