Symphonieorchester Vorarlberg bot ein Klangerlebnis der besonderen Art

14.04.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung des Dirigenten Sascha Goetzel. SOV/Mathis

Der Wiener Sascha Goetzel überzeugte bei seinem SOV-Debüt auf allen Linien.

Feldkirch Daraus könnte etwas werden. Da hat sich beim 5. Abokonzert im ausverkauften Montforthaus offensichtlich eine neue, tragfähige Partnerschaft zwischen dem Symphonieorchester Vorarlberg und dem an diesem Abend debütierenden Wiener Dirigenten Sascha Goetzel (49) entwickelt. So, wie er dieses Konzert disponierte, ohne viel Aufhebens, aber klar und elegant, könnte man sich sehr wohl eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit vorstellen, nicht zuletzt auch im Opernbereich, wo Goetzel längst an der Wiener Staatsoper reüssierte.

Glänzendes Niveau

Der Abend selbst profitiert vom unüberhörbaren Energiefluss, der sich sofort zwischen den motivierten Musikern und ihrem Dirigenten entwickelt. Da werden zwei klangvolle symphonische Beispiele nordischer Schwermut und klassischer russischer Moderne klug einander gegenübergestellt und auf glänzendem Niveau präsentiert. Normalerweise ist auch ein Filetstück der Orchesterliteratur wie die Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ von Glinka am Beginn ein sicherer Anreißer für einen Konzertabend. Doch obwohl sich vor allem die Streicher in rasanten Passagen in puncto Virtuosität und Sauberkeit nicht lumpen lassen und der Dirigent ordentlich die Sporen gibt, will sich der erhoffte „Wow“-Effekt beim Publikum nicht einstellen. 

Emmanuel Tjeknavorian versteht es auf Anhieb, mit seinen gerade 23 Jahren die Aura eines großen, reifen Geigers zu verbreiten.
Emmanuel Tjeknavorian versteht es auf Anhieb, mit seinen gerade 23 Jahren die Aura eines großen, reifen Geigers zu verbreiten.

Dafür bedarf es eines ganz besonderen Solisten, wie ihn Emmanuel Tjeknavorian verkörpert, ein Wiener mit armenischen Wurzeln. Er versteht es auf Anhieb, mit seinen gerade 23 Jahren die Aura eines großen, reifen Geigers zu verbreiten, ganz in sich gekehrt und mit wenig Körpereinsatz. Umso mehr trumpft er klanglich imponierend auf seiner kostbaren Stradivari von 1698 auf, der er im Solopart des bei uns weniger bekannten Violinkonzerts von Jean Sibelius Töne von unglaublicher Tragfähigkeit und Schönheit entlockt. Kein Wunder, hat er doch schon 2015 einen Preis um diesen Komponisten ergattert. Auch mit allzu viel Technik muss er sich nicht plagen, denn in dem über halbstündigen Konzert, das er komplett auswendig spielt, geht es weniger um billige Virtuosität, sondern um Gehalt, Wärme und Ausdruck in dunklen melancholischen Farben.

Großflächiger Klangteppich

In dieser Art ist auch der duftig instrumentierte Orchesterpart von erlesener Schönheit der Melodienerfindung, in dem satte Streicherflächen und düstere Holzbläser an Tschaikowsky erinnern. Sascha Goetzel bereitet dem Solisten damit einen fein ausgehörten, großflächigen Klangteppich, aus dem einzelne Instrumente dialogisch herausstechen, und gibt den Musikern in den Zwischenspielen reichlich Gelegenheit, eindrucksvoll ihre orchestralen Qualitäten zu demonstrieren.           

Während dieses 1905 vollendete Werk nicht wirklich modern sein will und dennoch in Ansätzen mit der Zeit geht, wird die neue Ära bei der rund 20 Jahre später entstandenen Symphonie Nr. 1 von Schostakowitsch deutlich spürbar. Diese Studentenarbeit des 19-Jährigen wurde mit ihren geschärften, grellen Klängen, den keck aufbegehrenden musikalischen Karikaturen und der gegen den Strich gebürsteten motorischen Rhythmik bereits zum Prototyp für 14 weitere Werke dieser Art, die den Komponisten zum bedeutendsten Symphoniker des 20. Jahrhunderts machten. Auch hier sind es die intensive geistig-musikalische Übereinstimmung zwischen Dirigenten und Orchester, die dieses Meisterstück authentisch machen und lebendig werden lassen. Mit wundervollen Soli matchen sich die Stimmführer untereinander, allen voran Konzertmeisterin Monika Schumayer, Detlef Mielke, Cello, Jürgen Jakob am Orchesterklavier, Adrian Buzac, Oboe, Francesco Negrini, Klarinette, und Roché Jenny, Trompete. Das Publikum reagiert begeistert. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe: 29. April und 6. Mai, 21 Uhr, Radio Vorarlberg; 5. Juni, 11 Uhr, Bregenz, Kornmarktplatz, Aktion „Orchester für alle“.