Dürrenmatt oder Der Besuch des alten Herrn am Zürcher Schauspielhaus

Kultur / 18.04.2019 • 12:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Dürrenmatt oder Der Besuch des alten Herrn am Zürcher Schauspielhaus
Szene aus der Adaptierung des Romans „Justiz“ von Friedrich Dürrenmatt am Zürcher Schauspielhaus. Schauspielhaus/Horn

„Justiz“ nach Friedrich Dürrenmatt als fünfeinhalbstündiges Ereignis unter Frank Castorf.

Zürich Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Dürrenmatt das Repertoire von Frank Castorf erweitert. Wer sich über die Jahre derart intensiv mit Dostojewski und dessen Fragen nach Schuld und Sühne beschäftigte, wie der einstige Leiter der Berliner Volksbühne, der musste doch irgendwann beim großen Schweizer landen. An der Stätte einiger Dürrenmatt-Uraufführungen, dem Schauspielhaus am Pfauen, wo Therese Giehse erstmals als Claire Zachanassian in “Der Besuch der alten Dame” ihre Version von Gerechtigkeit forderte, fand nun der Besuch des alten Herrn statt. Wieder geht es um Gerechtigkeit bzw. um Recht und Rechtsprechung und die Kluft dazwischen. Castorf, wie man auch zuletzt bei “Hunger” von Knut Hamsun im Rahmen der Salzburger Festspiele erfahren konnte, weiterhin auf Adaptierungen abonniert, hat sich “Justiz” vorgenommen und bleibt dabei einmal relativ nahe beim Manuskript.

Perfide

Bei einem Text, der aus Erinnerungen eines Anwalts und Reflexionen eines Autors besteht, würden allzu viele Einschübe nur für weitere Verwirrung sorgen. Castorf, der vom Publikum Assoziationskraft verlangt und es dafür mit Direktheit belohnt, die ihresgleichen auf der Bühne noch nicht gefunden hat, richtet den Fokus selbstredend auf die Verstrickungen von Macht und Justiz, potenziert durch seine an sich bekannte Ästhetik mit Spiel- und Filmsequenzen jedoch noch die Scharfsinnigkeit der Vorlage. Der Ausgangspunkt ist bekannt: Ein Kantonsrat erschießt in einem Restaurant einen Germanisten. Im Gefängnis beauftragt er einen jungen Anwalt, den Fall neu aufzurollen. Mit dem Freispruch, der mit einigen Kollateralschäden einhergeht, öffnet sich für den Beobachter die Sicht auf Machenschaften, Obsessionen und Verletzungen, die derart perfide sind, dass die Aussicht auf Beendigung ein frommer Wunsch bleibt. Angesiedelt zwischen architektonischer Behäbigkeit, Rotlichtbezirk und teurem Design (Drehbühne: Aleksandar Denic) ist ein fünfeinhalbstündiges, bildlich immer wieder zitiertes Billardspiel zu erleben, das bei entsprechender Konzentration, die der verbleibende, größere Teil des Premierenpublikums auch aufbrachte, Genuss bereitet. Wohl auch, weil Castorf und sein Team mit der Gefahr des Scheiterns nicht kokettieren.

Nächste Aufführung von “Justiz” am 20. April und weitere am Zürcher Schauspielhaus: www.schauspielhaus.ch

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