Mit der jungen Komponistenriege

Kultur / 26.04.2019 • 19:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Musik in der Pforte mit Fabiola Tedesco, Violine, Anna Magdalena Kokits, Klavier, Klaus Christa, Bratsche, und Mathias Johansen, Violoncello. JU
Musik in der Pforte mit Fabiola Tedesco, Violine, Anna Magdalena Kokits, Klavier, Klaus Christa, Bratsche, und Mathias Johansen, Violoncello. JU

Die „Lange Nacht des Träumens“ bei der Pforte bot
starke Erlebnisse – musikalisch wie menschlich.

feldkirch Da war sie also wieder, eine jener „langen Nächte“ in der Pforte – von vielen geliebt, von manchen auch gefürchtet. Kurator Klaus Christa hat diese Form der musikalisch-philosophischen Konzertdarbietung längst zu seinem Lieblingsspielzeug erkoren, mit dem er seinen vielen Einfällen freien Lauf lassen und seine bewundernswerte One-Man-Show als Organisator, Moderator und Bratschist abziehen kann. Dass er dabei manchmal auch gern übertreibt und damit seine Zuhörer über die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit strapaziert, hat man am Donnerstag im Pförtnerhaus bei der öffentlichen Generalprobe zum jüngsten Projekt über Utopien und Sehnsüchte in einer „Langen Nacht des Träumens“ erneut erfahren. Trotz verkürzter Pausen wurden die geplanten vier Stunden noch überzogen. Abgesehen von der Übermenge an Gebotenem wurde der Abend aber inhaltlich für alle, die genügend Durchhaltevermögen besaßen, zu einem geistig-musikalisch-menschlich starken Erlebnis.

Thema Migration

Klaus Christa führt seine Zuhörer in ein Land der Unwirklichkeiten, gegliedert in vier Abschnitte mit zwei Handlungssträngen: Vokalmusik der Renaissance und große Kammermusik der Klassik und Romantik als bleibende Säulen unserer Musikkultur, kontrastiert von Werken, die fünf Komponisten aus unserer Region eigens für diesen Anlass geschrieben haben, nicht chronologisch, sondern bunt gemischt in ihrer Abfolge. Zudem bedient Christa auch das Thema Migration mit Textimpulsen zu Live-Musik über Videoeinspielungen von geflüchteten und hier geborenen Menschen aus dem Begegnungscafé „Minze“ und beim Buffet mit Speisen aus deren Heimat.

Bleibende Kostbarkeiten

Zwei bleibende Kostbarkeiten traditioneller Kammermusik sind Absolventen und Professoren des Landeskonservatoriums anvertraut, die sich in der Geschlossenheit und Kompetenz ihrer Spielweise als imponierendes Ensemble präsentieren: die Italienerin Fabiola Tedesco, die sich zu einer fantastischen Geigerin entwickelt hat, ihre Violin-Kollegin Francesca Temporini, die beiden Kons-Professoren Klaus Christa, Bratsche, und Mathias Johansen, Violoncello, und vor allem auch die überragende Pianistin Anna Magdalena Kokits. Sie beweisen ihre Kompetenz am späten Streichquartett op. 127 des bereits ertaubten Beethoven, das in seiner oft verstörenden Kargheit viele Assoziationen zu Albträumen zulässt, und vor allem am Klavierquartett op. 25 von Brahms, das in seiner mitreißenden Leidenschaftlichkeit  zum Höhepunkt des Abends wird. Dazwischen versucht sich das Vokalensemble Ottava Rima mit wechselndem Erfolg in ungewohnter Akustik an der komplexen Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts bei Carlo Gesualdo. Da ist das Konzert mittlerweile drei Stunden alt und die ersten Besucher verlassen den Saal.

Musik unserer Zeit

Sie versäumen damit den Großteil eben erst geschaffener Musik unserer Zeit, die von Studenten des Konservatoriums mit viel Engagement dargeboten wird. Den Anfang macht mit David Soyza (25) ein gebürtiger Tiroler, der heute in Nürnberg lebt und in unserem Raum vor allem als Vibraphonist im Jazz-Pop-Rock-Bereich einen Namen besitzt. In seinem kurzen Nonett „Traumweg“ entwickelt sich sein Thema nach deutlichen Konflikten in raffinierten Klangwirkungen zu einer „Aufwachphase“, die in ihrer satten Tonalität glatt von Brahms sein könnte. Mit einem Doppel-Streichquartett, das von Darius Grimmel geleitet wird, präsentiert der Westschweizer Kons-Dozent Vivian Domenjoz (43) eine fundiert gebaute viersätzige Arbeit über die „verlorene Zeit“ (nach Marcel Proust), als dichtes Klanggefüge mit metrischem Puls und rhythmischen Überlagerungen ineinander verwoben.

David Helbocks „Traumfänger“

Der bekannte Jazzmusiker David Helbock (35) beweist mit „Traumfänger“, dass man auch mit einem klassisch besetzten Klaviertrio Jazziges hervorbringen kann. Es ist auch sein erstes Werk, bei dem der abwesende Komponist am präparierten perkussiven Klavier spielend durch David Mikitc ersetzt wird. Die einzige Frau in der Komponistenriege, die Bregenzerwälderin Raphaela Fröwis (26), hat sich in ihren stark expressionistisch gefärbten „Traumgesellen“ an Salvador Dali orientiert. Dabei dominiert die gefragte Bregenzerin Lea Elisabeth Müller mit ihrem ausdrucksstarken Mezzosopran, den sie wortdeutlich und voll Wärme strömen lässt. Zuvor hat sich die ehemalige Studentin von Clemens Morgenthaler mit Werken von Schumann und Maria Bach auch im Bereich des romantischen Liedes als sattelfest erwiesen. Der aus Lindau stammende Darius Grimmel (23) schließlich überrascht mit einer „Legende“ in Scherzo-Form, für die er die dunkel spätromantische „Forellenquintett“-Streicherbesetzung gewählt hat, in der er selbst virtuos den Kontrabass bedient.

Äußerst kompetent: Mezzosopranistin Lea Elisabeth Müller.
Äußerst kompetent: Mezzosopranistin Lea Elisabeth Müller.

Weitere Aufführung dieses Konzertes am Samstag, 27. April, ab 17 Uhr, im Frauenmuseum Hittisau.