Warmes Wasser

Kultur / 26.04.2019 • 19:18 Uhr / 8 Minuten Lesezeit

Es wird nur wenige Augenblicke brauchen, denn sobald dieser alte, gekerbte Körper aufwacht, die Lider sich heben und die grauen Augen mich erblicken, wird klar sein, dass ich hier falsch bin. Sie wird mich, ausgeschlafen und ausgenüchtert, erneut einschätzen. Zwangsläufig, denn ich bin jetzt in ihrer Wohnung, in ihrem Bett. Ihre warme Hand liegt auf meinem Bauch. Ich versuche den Raum um uns zu erkennen. Meine Augen sind verklebt. Sie ist die Frau mit den Zigaretten. Gestern, in der Bar. Sie war sehr fürsorglich, hat mir über die Haare, über den Rücken gestrichen. Sie hat sich meiner angenommen, hat die Getränke bezahlt. Durch die zugezogenen Jalousien strömt grelles Licht. Doch das kann täuschen. Was zu dieser Jahreszeit grell anmutet, kann bei genauer Betrachtung auch ein wolkenverhangener Tag sein. Wenn man nicht den gesamten Himmel sieht, ist das trügerisch.

Sie schläft wie tot. Ihre Atmung ist nicht hörbar. Ihr Körper hat für mich nichts Bedrohliches. Vielleicht weil sie schon alt ist. Ihre Haut ist warm, man kann sich in den Falten, die sie bildet, vergraben. Unter der Haut liegt eine feine Fettschicht, die sich nicht auf ihre Statur auswirkt, doch durch fehlende Elastizität an Bauch und Hüften zum Vorschein kommt. Ihre Finger sind knochig. Sie haben meinen Körper abgegriffen, wie man Obst und Früchte abtastet, bevor man sie kauft. Gekonnt und zugleich behutsam. Das war es dann auch. Sie wird ihre Fürsorge aufgebraucht haben und mich fortschicken. Draußen hört man Vögel schreien. Mitten in der Stadt. Wirr und hitzig. Als würden sie jeden Moment vor Begierde platzen. Es wird sich als falsch herausstellen.

Ich drehe mich langsam zur Seite, aus den Kissen heraus, damit sie nicht aufwacht. Ich will heiß duschen, falls sie warmes Wasser hat. Das Badezimmer ist im Vorraum der Wohnung, der zugleich auch als Küche dient. Küche und Bad sind nur durch eine Stellwand voneinander getrennt. Ich gehe barfüßig über den Fliesenboden. Graue Fliesen mit weißen Steinen, leicht angeraut und eisig. Ich schiebe den Vorhang, der als Türe dient, zur Seite und steige in die eingelassene Duschwanne. Kalk und Rost überziehen die Leitungen und unzählige Shampoo- und Conditionerflaschen hängen in verschiedensten Farben in einem Korb von der Seite herab. Milch, Mandel oder Nussaroma, Pinienkerne und Jojobaöl. Heißes Wasser ist mir genug. Ich drehe am Wasserhahn. Mit einem langgezogenen Quietschen gibt er nach. Der Rost hat sich in sein Gewinde gefressen. Es dauert eine Weile, bis das Wasser warm wird. Es fließt vor meinem Körper herab und prasselt, ohne meine Zehen zu berühren, zu Boden. Langsam steigt Dampf auf. Er vertreibt die abgestandene Luft. Ich biege meinen Körper immer weiter vom Wasserstrahl weg und halte nur mein Gesicht in dem Dampf hinein. Die Hitze zieht an meiner Haut. Holt den Dreck aus meinen Poren. Ich drehe das Kaltwasser hinzu und lasse es über meinen Kopf prasseln.

Ich dusche bis mir schwindlig ist. Als ich aus der Duschwanne steige, ist die Kälte wieder da. Im angelaufenen Spiegel kann ich etwas von meinem rot gefleckten Gesicht erkennen. Zart ist es nicht mehr. Das hat sein Gutes. Jugendlichkeit macht angreifbar. Wenn mein Gesicht durchzogen ist von Falten und Anstrengung, wenn es keinen Zug von Frische mehr hat, wird man nicht versuchen, es zu zerkratzen. Die Kälte zieht meine Beine hinauf. Es hat möglicherweise mit meinen Füßen zu tun. Die Zehen sind angeschwollen. Meine Füße waren zu lange nass, vielleicht ist etwas in ihnen abgestorben. Es fühlt sich seit ein paar Tagen danach an. Anfangs schmerzten sie, jetzt sind sie taub. Ich drücke in die aufgequollenen Zehen und spüre nichts.Die Frau heißt Marie. Sie steht am offenen Fenster. Sie trägt einen rosa Morgenmantel und ist barfuß. Kaffee kocht in einer Mokkakanne. Gasgeruch liegt in der Luft, doch das scheint Marie nicht zu stören. Sie raucht. Vielleicht ist es normal. Selbst auf die pfeifende Kanne reagiert sie nicht. Draußen ist es trüb. Als ich in der Tür stehe, dreht sie sich zu mir und zeigt auf den Tisch. Dort liegt ein Zwanzig Euro Schein. Mit einer Handbewegung zum Mund deutet sie an, dass das Geld für Essen ist und wirft mir einen Kuss zu. Ich gehe zum Bett und ziehe mir meine Sachen an. Marie holt den Kaffee vom Herd. Die Kleidungsstücke riechen abgestanden. Ich betrachte das Geld am Tisch. Bei dem Schein liegt ein Zettel, auf den Marie ihre Adresse geschrieben hat. Ich stecke alles ein. Sie kommt auf mich zu, streicht mir übers Haar und küsst meine Stirn. Ich bleibe dabei regungslos stehen. Sobald sie von mir ablässt, ich nehme meine Tasche und gehe zur Tür hinaus.

Als es dunkel wird, suche ich noch immer Maries Straße. Ich habe die Orientierung verloren und glaube, dass ich mich schon längere Zeit im Kreis zu drehe. Jetzt, als ich zum dritten Mal dieselbe Kreuzung überquere, stehe ich in ihrer Gasse. Das ist reines Glück. Die Hausnummer ist beleuchtet, die Klingelschilder nicht. Es stehen keine Namen daran, nur Wohnungsnummern. Ich drücke auf die 23. Falls niemand aufmacht, muss ich mir etwas Anderes überlegen. Von der Tür kommt ein Freizeichen und sie lässt sich öffnen. Marie wohnt im zweiten Stock. Zumindest daran kann ich mich erinnern.

Sie hat ihre Türe einen Spalt weit offenstehen lassen. Von drinnen fällt nur der schwache Schein einer Nachttischlampe in den Vorraum. Sie sitzt in einem braunen sechziger Jahre Sessel und trägt denselben rosa Morgenmantel wie in der Früh. Ich hatte nicht vor wiederzukommen. Ich gehe zu ihr und sie küsst mich zur Begrüßung auf beide Wangen. Es fühlt sich dennoch irgendwie nach Ankommen an. Ich lege meine Sachen ab und gehe mich waschen. Im Badezimmer zu stehen beruhigt mich. Der Raum wirkt abgeschlossen, obgleich er nur provisorisch in den Vorraum gebaut ist. Die kleine Glühbirne über dem Spiegel taucht alles in warmes Gelb. Ich bin alleine und sicher. Es dauert wieder eine Weile bis das Wasser warm wird. Ich schrubbe meine Hände mit Seife sauber und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Die roten Flecken sind verschwunden. Es scheint wieder ebenmäßig blass. Ich schmiere etwas von Maries Gesichtscreme darüber, sodass die Blässe von einem Fettglanz überzogen wird. Die Haut saugt das Fett gierig ein. Marie ruft nach mir. Ich blicke zu meinen Füßen. Kälte zieht meinen Rücken hoch. Hier zu sein ist immer noch besser als draußen zu frieren. Ich drehe das Wasser ab und lösche das Licht.

Zur Person

Carolyn Amann

Geboren 1987 in Hohenems

Ausbildung Studium Theater-, Film- und Medienwissenschaften

Tätigkeit Regieassistentin, Schriftstellerin

Auszeichnungen zweimal Arbeitsstipendium des Vorarlberger Literaturpreises

Carolyn Amann wird am kommenden Montag das Literaturstipendium des Landes verliehen.