Eine Alternative: „Funiculi funicula“ bei der Schubertiade

01.05.2019 • 18:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Lucilla Galeazzi im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems. SCHUBERTIADE

Hohenems Jeder kennt das Sprichwort: „Neapel sehen und dann sterben.“ Die Schubertiade bot am letzten Sonntag eine bessere Alternative: „Neapel hören –  und dann leben!“ Die italienische Popularsängerin Lucilla Galeazzi führte in ihrem Programm „Il cielo sopra Napoli“ („Der Himmel über Neapel“) mit neapolitanischen Volksliedern und eigenen Canzonen durch verschiedenste Bereiche des menschlichen Lebens: vom traurigen Aufschrei der armen Wäscherinnen des Vomero (eine politische Anspielung auf vom König dem Volk versprochene, aber nie geschenkte Grundstücke) über verschiedenste Liebesverwicklungen bis zu einem Abschied vom Leben von Galeazzi selbst: „Ah vita bella“, bei dem ein Mann seiner eigenen Totenklage zuhört. Die in Umbrien geborene Galeazzi kam, wie sie in sympathischem Italo-Englisch erzählte, durch ihren Vater zur neapolitanischen Volksmusik. Die meisten dieser Lieder entstanden im 19. Jahrhundert, darunter auch „Io te voglio bene assaie“, das Donizetti zugeschrieben wird, oder die Klassiker „Santa Lucia“ und „Funiculi funicula“.

Wandelbare Stimme

Manche sind traurig-getragen und erinnern etwas an den portugiesischen Fado, viele bevorzugen schnelle, mitreißende Rhythmen wie die Tarantella. Auch für Zuhörer, die Italienisch können, ist es unmöglich, die Texte im neapolitanischen Dialekt zu verstehen. Das Programmheft, in dem die Lieder inhaltlich zusammengefasst wurden, war kein zuverlässiger Führer, da Galeazzi nach der Pause die Reihenfolge veränderte. Man kam sich vor wie in den Gassen der Altstadt von Neapel, wo man leicht die Orientierung verliert, was aber nichts ausmachte, es war trotzdem schön. Die fast siebzigjährige Sängerin in schwarz-rotem langem Kleid ist eine vornehme Bühnenerscheinung, die mit ihrer vom gehauchten Piano bis zu durchdringenden Tönen wandelbaren Stimme und wenigen expressiven Gesten aus manchen Liedern geradezu kleine Theaterszenen improvisierte. Spitzenklasse war auch die Begleitcombo, allen voran der Perkussionist Carmine Bruno, ein Spezialist für die neapolitanischen Schlaginstrumente Tamburin und Rahmentrommel. Was für differenzierte Rhythmen er in einem Solostück mit seiner unglaublich beweglichen rechten Hand dem Tamburin entlockte, war atemberaubend. Marcello Vitale an klassischer und Perkussionsgitarre agierte weniger spektakulär, aber ebenso souverän. Das Publikum durfte manchmal mitklatschen und mitsingen und wurde voller Freude und Lebenslust in eine kalte Vorarlberger Aprilnacht entlassen. Ulrike Längle