Neue Musik lautstark bejubelt

02.05.2019 • 16:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der US-amerikanische Pianist Kit Armstrong brillierte bei der Schubertiade. JU
Der US-amerikanische Pianist Kit Armstrong brillierte bei der Schubertiade. JU

Bei der Schubertiade präsentierte sich der Pianist Kit Armstrong als versierter Komponist.

HOHENEMS Die Schubertiade ist nicht gerade der Ort, an dem man sich eine Uraufführung neuer Musik erwartet. Wenn eine solche dann wie am Dienstag vom Publikum noch dazu mit begeistertem Jubel aufgenommen wird, dann ist das so selten.

Der 28-jährige US-Amerikaner Kit Armstrong, in den vergangenen Jahren in seinen Funktionen als brillanter Pianist, Kammermusiker und Klavierbegleiter für Gerd Nachbauer eine Art Allzweckwaffe geworden, präsentiert sich hier erstmals in einer weiteren Spielart als überraschend versierter Komponist mit dem Liederzyklus „Selig sind die Enttäuschten“ nach Texten der bekannten deutschen Dichterin Ulla Hahn. Diese atmen die philosophisch gestählte Lebensklugheit einer erfahrenen Schriftstellerin im Umgang mit einfachen Alltagssituationen, die sie mit jener leisen Ironie, wie sie schon im Titel zum Ausdruck kommt, in einer knappen, kargen Sprache in ihre zeitgemäße Lyrik kleidet.

Von größter Eindringlichkeit

Kit Armstrong hat in keinem Moment versucht, diese Vorlagen einfach zu vertonen. Er ist auf die Texte eingegangen, hat sie für sich verinnerlicht und mit seinen Mitteln einer sanft erweiterten Tonalität in Musik umgesetzt. Dabei sind literarisch-musikalische Collagen von größter Eindringlichkeit entstanden, die auch sofort die Zuhörer erreichen. Umso mehr, als diese sieben Gesänge auch hervorragende Interpreten finden, vor allem in den beiden deutschen Gesangssolisten Sophie Rennert, Mezzosopran, und Benjamin Appl, Bariton, die sich mit jeder Faser diesen wunderbar verschlungenen Gesangsmelodien hingeben, die Kit Armstrong für sie ersonnen hat, ohne je pathetisch oder aufgesetzt zu wirken.

Der klangliche Kontrast entsteht durch die Bratschenstimme der einsatzfreudigen Barbara Buntrock; Armstrong selber hat sich für den dichten Klavierpart in dem 30-minütigen Werk nicht geschont. Als sich in der allgemeinen Begeisterung auch noch die Autorin Ulla Hahn zu den Interpreten auf die Bühne gesellt und dort mit Blumen und einer Geburtstagstorte empfangen wird, ist das Glück allseits vollkommen.

Grandiose Wirkung

Angesichts dieses finalen Glanzpunktes ist das übrige Programm als einführender Weg dorthin zu betrachten. Begonnen hat der Abend konventionell mit zwei anheimelnden Brahms-Liedern für Altstimme, denen Sophie Rennert zusammen mit der Bratschistin dunkel leuchtende Wärme entlockt.

Benjamin Appl ist im folgenden Block von Schubertliedern mit seinem weniger fein geführten Bariton noch etwas von Rennerts seidiger stimmlicher Klangkultur entfernt. Er überzeugt dafür in einem emotional ausufernden „Erlkönig“, dessen grandiose Wirkung letztlich auch der dramatisch-virtuosen Begleitkunst des Pianisten zu danken ist.Idealer Gegensatz

Kit Armstrongs Vertonung der „Struwwelpeter“-Geschichten in einer Art „Lied ohne Worte“ für Viola und Klavier von 2006 zeigt eine ganz andere Handschrift als sein neuestes Werk. Da wird mit grellen Effekten die heute aus pädagogischer Sicht oftmals apostrophierte übertriebene Grausamkeit dieser Kindergeschichten dargestellt, manche typische Situation karikiert und zu einem kurzweiligen Ganzen verarbeitet. Den idealen Gegensatz dazu bildet das von meditativer Gelassenheit geprägte Poem „A Bird came down the Walk“ des Japaners Toru Takemitsu in dieser Besetzung.

Rundfunkwiedergabe des Konzertes: am 4. Juli um 19.30 Uhr auf Ö1.