„Die Oboe ist der Stimme sehr nahe“

Kultur / 03.05.2019 • 19:28 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Heidrun Pflüger: „Wenn es dramatisch wird, dann kommt der Klang der Oboe mit meist lyrischen Kantilenen zum Einsatz.“ Pflüger
Heidrun Pflüger: „Wenn es dramatisch wird, dann kommt der Klang der Oboe mit meist lyrischen Kantilenen zum Einsatz.“ Pflüger

Heidrun Pflüger freut sich auf die Zusammenarbeit mit Kirill Petrenko, den sie aus Studienzeiten kennt.

Feldkirch Das Symphonieorchester Vorarlberg ist ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Musiklebens in unserem Land. Es gibt in seinen Reihen Persönlichkeiten, die auch als Solisten oder in anderen Ensembles auftreten. Ihnen noch mehr Profil zu verleihen, ist das Ziel einer Serie von Interviews in lockerer Folge.

Die Solo-Oboistin Heidrun Pflüger, geb. 1967, erhielt ihren ersten Unterricht an der Musikschule Feldkirch bei Rita Varch-Hidber. 1984 bis 1992 studierte sie am Landeskonservatorium Feldkirch bei Prof. DDr. Manoutchehr Sahbai, legte 1989 die Lehrbefähigungsprüfung ab und beendete 1992 das Diplomstudium mit Auszeichnung. Anschließend setzte sie ihr Studium an der Hochschule für Musik in Freiburg/Breisgau bei Prof. Heinz Holliger fort, das sie im Juli 1995 ebenfalls mit Auszeichnung abschloss. 1985 erhielt sie ein Begabtenstipendium des Landes Vorarlberg, außerdem war sie mehrfach Preisträgerin des Wettbewerbs „Jugend musiziert“, bei dem sie unter anderem 1985 einen 1. Preis und den Sonderpreis des Mozarteum-Orchesters Salzburg erhielt. 1987 wurde ihr der 1. Preis im Fach Holzbläser/Kammermusik zugesprochen. Heidrun Pflüger war Mitglied des Gustav-Mahler-Jugendorchesters unter der Leitung von Claudio Abbado, Vaclav Neumann, James Judd, Franz Welser-Möst, Serge Baudo u. a. und machte Tourneen durch ganz Europa. Zusätzlich absolvierte sie ein Blockflötenstudium in Feldkirch bei Prof. Sabine Gstach, das sie 2002 mit Auszeichnung abschloss. Seit 1991 ist sie Solo-Oboistin des SOV und Mitglied mehrerer Kammermusikformationen, wie des Ensembles plus und des Holzbläserquintetts Ventus Musicus. Sie unterrichtet an den Musikschulen Feldkirch und Bregenz und lebt in Feldkirch.

 

Wie sind Sie zur Oboe gekommen?

Pflüger Auf Umwegen. Als Volksschulkind habe ich zwei Jahre lang Blockflöte gespielt, danach habe ich Klavier gelernt, was mir aber nicht sonderlich lag. Ich wollte die Musik schon aufgeben, aber mein damaliger Flötenlehrer hielt mich für musikalisch und stellte mich der Oboenlehrerin Rita Varch-Hidber vor. Ich war ihre erste Schülerin, menschlich hat es gleich gepasst. Ich habe mich in das Instrument verliebt, nur mehr geübt und nichts mehr gelernt. Die Oboe hat meinen weiteren Lebensweg geprägt.

 

François Leleux, der berühmte Oboist, hat einmal behauptet, man brauche 400 Geigen, damit man den Ton der Oboe nicht mehr hört. Die Oboe gibt den Stimmton für das ganze Orchester an. Welche Rolle spielt dieses Instrument im Orchester und in Kammermusikformationen?

Pflüger Die Oboe hat einen klaren, durchdringenden Klang. Aufgrund der Gegebenheiten des Instruments ist es nicht möglich, weit von der Grundstimmung (in unserem Fall 443 Hertz) abzuweichen. Auch die Sitzposition im Orchester, nämlich mittendrin und somit für alle gut hörbar, ist sicher ein Grund, warum die Oboe den Stimmton angibt. Die Oboe hat eine tragende Funktion im Orchester. Wenn es dramatisch wird, Herz-Schmerz (lacht), dann kommt der Klang der Oboe mit meist lyrischen Kantilenen zum Einsatz. Natürlich hat die Oboe auch in der Bläserkammermusik eine führende Position, durch ihre besondere Klangfarbe.

 

Die Oboe wird gern mit der vox humana, der menschlichen Stimme, verglichen, z. B. von John Eliot Gardiner in seinem Bach-Buch. Wie sehen Sie das?

Pflüger Der Klang der Oboe ist der menschlichen Stimme sehr nahe. Mit Vibrato, das gezielt eingesetzt wird (was ja Sänger auch machen), wird ein großes Spektrum an musikalischem Ausdruck möglich. Das belebt den Ton und bringt ihn zum Schwingen.

 

Als Publikum sieht man Oboisten oft mit einem Messer an ihren Mundstücken hantieren. Was genau geschieht da?

Pflüger Das ist ein heikles Thema, denn von unserem Mundstück hängt alles ab: die Funktion, die Klangfarbe, die Intonation, das ganze Spielgefühl. Als Oboistin oder als Oboist verbringt man mindestens gleich viel Zeit mit der Herstellung passender Mundstücke wie mit dem Erarbeiten eines Werks. So ein Mundstück ist handgearbeitet, es besteht aus einer kleinen Metallhülse, die mit Kork ummantelt ist und auf die man mit einem Faden das „Holz“ (eine spezielle Schilfholzart) aufbindet. Nun sind erst die Einzelteile zusammengebunden, jetzt muss es geschabt werden (für den Laien ausgedrückt: es muss auf besondere Art und Weise geschnitzt werden). Schlussendlich sind es zwei Rohrblätter mit einer winzigen Öffnung, durch die die Luft geführt wird, daher wird die Oboe als Doppelrohrblattinstrument bezeichnet. Mit dem Schabmesser können jederzeit, wenn nötig, Veränderungen am Mundstück vorgenommen werden.

 

Welche Herausforderungen kommen auf Sie als Solo-Oboistin bei Mahlers 8. Symphonie im nächsten SOV-Konzert unter Kirill Petrenko zu?

Pflüger Die Kompositionen von Gustav Mahler sind von den spieltechnischen, rhythmischen und interpretatorischen Anforderungen her extrem anspruchsvoll. Alle seine musikalischen Vorstellungen sind wörtlich angeführt, z. B. „noch etwas kecker“, „beinahe flüchtig“, „unmerklich zögernd“ usw., und ich weiß, dass Kirill Petrenko minutiös, mit äußerster Präzision und bis ins kleinste Detail mit uns daran arbeiten wird. Ich freue mich, wieder mit ihm zu musizieren, weil wir uns noch aus Studienzeiten kennen.

 

Was ist für Sie persönlich das Besondere am Symphonieorchester Vorarlberg?

Pflüger Ich habe im Alter von neunzehn Jahren bereits zum ersten Mal mit dem SOV gespielt. Ich finde es wichtig, dass es das Orchester im Land gibt, bin gespannt auf die Zusammenarbeit mit unserem neuen Chefdirigenten Leo McFall, freue mich auf tolle Gastdirigenten und Solisten und darauf, mit meinen Freunden und Kollegen zusammen zu musizieren.

8. Symphonie von Gustav Mahler, Symphonieorchester Vorarlberg unter Kirill Petrenko am 15. Mai (öffentl. Generalprobe),
16. und 18. Mai, Festspielhaus Bregenz.