Starke Frau und überzeugte Demokratin

Kultur / 03.05.2019 • 18:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die geheimen Tagebücher der Anna HaagEdward Timms, Scoventa Verlag, 328 Seiten

Die geheimen Tagebücher der Anna Haag

Edward Timms, Scoventa Verlag, 328 Seiten

Eine Feministin im Nationalsozialismus.

Biografie Erster Eintrag im Tagebuch von Anna Haag am 11. Mai 1940: „Wozu wohl ein Mozart, ein Beethoven, ein Goethe gelebt und ihre Werke geschaffen haben, wenn wir Heutigen nichts anderes wissen als zu töten und zu zerstören?“ Beeindruckend sind Anna Haags genaue Beobachtung und Interpretation des Verhaltens ihrer Zeitgenossen. Auf der Rückfahrt von einem Kirchenkonzert mit Kantaten von Bach vernimmt sie – selbst noch tief ergriffen vom Erlebten – den Kommentar eines Passagiers, der auch in höchsten Tönen davon schwärmt, und darauf ohne Übergang die Behandlung der „Untermenschen“ als recht und billig verteidigt.

Durch dieses Erlebnis habe sie begriffen, dass der „gute“ Deutsche zwar den in der Kindheit erworbenen Glauben behalten wolle, aber ablehne, die Haltung einzunehmen, die ihm dieser Glaube als sittliche Pflicht auferlege.

Geboren im Schwäbischen

Geboren wurde Anna am 10. Juli 1888 in der schwäbischen Gemeinde Althütte in die geachtete Lehrerfamilie Schaich, die auf musikalische wie kulturell erweiterte Förderung der Kinder (drei Mädchen, drei Jungen) großen Wert legte. Anna durfte im Gegensatz zu den meisten Mädchen ihrer Generation mit 14 Jahren weitere Bildungseinrichtungen besuchen. Sie wohnte bei Verwandten in Backnang, von wo sie erst die Töchterschule, anschließend die Frauenarbeitsschule in Reutlingen leicht erreichte. Die musste sie schließlich verlassen, weil ihre Mutter gesundheitlicher Probleme wegen die  Hilfe der ältesten Tochter benötigte.

1909 heiratet Anna den Lehrer Albert Haag, der eine Stelle an einem Privatinternat in Schlesien angenommen hat, um der Enge der schwäbischen Heimat zu entgehen. Während er unterrichtet, gibt sie Klavierstunden. Die Liebesheirat wird zum Bildungsprojekt und im August 1910 von der Geburt der ersten Tochter Isolde gekrönt. Albert bewirbt sich zwei Jahre später an der Deutschen Schule in Bukarest und wird aufgrund seiner außerordentlichen Qualifikation sofort engagiert.

Pazifisten

Für ihn und mehr noch für seine Frau eine begeisternde Erfahrung, worüber sie kurze Berichte verfasst, die auch veröffentlicht werden. Im Juni 1914, Albert und Anna sind mit Isolde in Württemberg auf Urlaub, erhalten die Haags ein Telegramm mit der Aufforderung zur sofortigen Rückkehr nach Bukarest. In diesen wirren Tagen wird die zweite Tochter Sigrid geboren. Die Kriegserlebnisse und die Nachkriegsära machten aus dem Ehepaar Haag überzeugte Pazifisten. Diese Haltung wird ihr ganzes Leben andauern und ihre sämtlichen Veröffentlichungen  prägen.

Edward Timms, der Autor ihrer Biografie, ist von der Außergewöhnlichkeit Haags angetan und transportiert seine Bewunderung mit stilistischem Charme, Genauigkeit und Wissen. salg