Her mit den Meisterkünstlerinnen

Kultur / 05.05.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Professorinnen Burcu Dogramarci und Kerstin Thomas im Gespräch mit den VN. VN/STEURER

Auch im Kunstbereich muss es die Frauenquote geben: ein Gespräch mit zwei Kunstexpertinnen.

Christa Dietrich

Bregenz Dass es als Zumutung begriffen wurde, wenn in den zentralen Räumen in der von Maria Balshaw geleiteten Tate Britain einmal alle Kunstwerke von Männern abgehängt und nur jene von Frauen präsentiert werden, darüber kann Burcu Dogramaci nur lächeln. Die Kunstexpertin, die eine Professur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München inne hat, plädiert für die Frauenquote in Führungspositionen und für ein rigoroses Vorgehen bei der Stipendienvergabe. Der Grund: „Es reguliert sich nichts von selbst. Die Kommissionen sind häufig immer noch überwiegend männlich besetzt und es wird mit Stereotypen argumentiert.“ Um die Authentizität ihrer Forderung zu betonen, erzählt sie von ihrem Austritt aus einer Kunstpreisjury. Arbeiten von drei Frauen und rund 30 Männern kamen in die engere Auswahl. Als sie vorschlug, dass es eine Preisträgerin geben sollte, gab es Proteste mit dem Vermerk, dass sich die Qualität schon durchsetzen würde. Mit einer solchen Argumentation negiere man die Hintergründe, die es Frauen schwerer machen, ein umfangreiches Werk vorzuweisen, erklärt Dogramaci.

Kerstin Thomas, stellvertretende Leiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart, reicht die Zahlen nach. Etwa 70 Prozent der Studierenden sind mittlerweile Frauen, bei den Promotionen sind die Zahlen bereits ausgeglichen, der Professorinnenanteil liege nur bei 25 bis 30 Prozent. Etwas läuft falsch, trotz der Förderungsprogramme, die darauf ausgelegt sind, Selbstdarstellungsfähigkeiten zu schulen. An einem „aggressiveren Vorgehen“ käme man nicht vorbei, betont Burcu Dogramaci. Männer begegneten Frauen nicht auf Augenhöhe. Auch wenn sie bereit sind, Erziehungsarbeit zu übernehmen, bleibe oft noch der größere Teil an den Frauen hängen. „Ich erachte es für notwendig, gegen Widerstände eine Zeitlang die Quote einzuführen.“

Forderungen stellen

Burcu Dogramaci, die auch wissenschaftliche Arbeiten zu Migration und Flucht verfasst hat, und Kerstin Thomas, zu deren Forschungsschwerpunkten die französische Kunst zählt, wurden von Kunsthaus-Leiter Thomas Trummer nach Bregenz eingeladen, wo man eine Kuratorinnenführung durch die Ausstellung der Schweizer Künstlerin Miriam Cahn anbot. Cahn, die demnächst den 70. Geburtstag feiert, bezeichnete sich im Gespräch mit den VN als „Gerechtigkeitsfeministin“. Es sei entscheidend, zu handeln, erklärte die Künstlerin, die die Sexualität ebenso thematisiert wie die vorwiegend männliche Gewalt. Zwei Künstlerinnen und zwei Künstlern stellt Trummer heuer das Kunsthaus für Ausstellungen zur Verfügung. Das war nicht immer so. Aber immer seien, so Kerstin Thomas, in den letzten Jahrzehnten Künstlerinnen wiederentdeckt worden. Im Endeffekt habe das aber nicht dazu geführt, dass mehr Kunst von Frauen ausgestellt wird. Man dürfe somit nicht aufhören, diesbezüglich Forderungen zu stellen.

Mit Renate Bertlmann gehört der Österreich-Pavillon auf der in der kommenden Woche zu eröffnenden Biennale von Venedig erstmals in der langen Geschichte der Ausstellung einer Künstlerin allein. Mit Anne Imhof wurde schon vor zwei Jahren eine junge Künstlerin mit der Gestaltung des Deutschland-Pavillons beauftragt. Sie erhielt für ihre Arbeit den ersten Preis. Heuer setzt Deutschland mit Natascha Sadr Haghighian wieder auf eine Künstlerin. Die Staatsgalerie in Stuttgart lockt hingegen gerade mit den „Meisterkünstlern“ Baselitz, Richter, Polke und Kiefer. Die Machanismen seien so, dass es Männer zu mehr Einzelausstellungen bringen, während Frauen oft nur in Gruppenausstellungen zum Zug kommen. Burcu Dogramaci und Kerstin Thomas haben ohne lange nachzudenken im VN-Gespräch selbstverständlich Namen von „Meisterkünstlerinnen“ parat, etwa VALIE EXPORT und Isa Genzken: „Wir können sofort noch einige weitere Namen nennen, aber was soll damit erreicht werden?“ Besser wäre es, derlei Mechanismen zu durchbrechen.

Die Ausstellung mit Arbeiten von Miriam Cahn ist im Kunsthaus Bregenz bis 30. Juni zu besichtigen, Di bis So, 10 bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.