Vom Tanzen, Töten und Österreich

05.05.2019 • 20:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szene aus „König Ottokars Glück und Ende“ von Franz Grillparzer in der Inszenierung von Johannes Lepper am Vorarlberger Landestheater. LT/koehler

Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ als bewegtes Lehrstück am Landestheater gestartet.

Christa Dietrich

Bregenz Das Ende ist noch nicht das Ende, denn nach Grillparzer wird auf der Bühne im Bregenzer Kornmarkttheater noch Robert Menasse zitiert, der ein Bild von den Grenzen in Europa im Verlauf der Geschichte zeichnete, die kaum zu entwirren sind und durch das Darüberzeichnen der geführten Schlachten dann sowieso verschwinden. „Ein Versuch aus dem Europa der Gegenwart“ nennt das Vorarlberger Landestheater seine Neuinszenierung von Franz Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“ im Untertitel. Es ist bemerkenswert, das Stück, in dem es um Mechanismen der Macht, um Intrigen, Egomanie und um europäische Geschichte geht, kurz vor den Europa-Wahlen anzusetzen, leistet es der Reflexion doch grundsätzlich Vorschub. Dass sich die Gegenwart in der Vergangenheit spiegelt, muss aber eine sehr leise Annahme bleiben. Als Franz Grillparzer sein Trauerspiel wenige Jahre nach dem Wiener Kongress verfasste, hatten sich demokratische Prinzipien noch lange nicht als Korrektiv durchgesetzt, und in der Zeit, in der das Werk spielt, nämlich im 13. Jahrhundert, waren sie sowieso kein Thema.

Es stellt sich bei neuen „König Ottokar“-Inszenierungen also eher die Frage, ob der Bloßlegung der Psychologie der beiden Kontrahenten, die Martin Kusej vor etwas mehr als einem Jahrzehnt gelang, noch etwas draufgesetzt werden konnte und ob dieser Grillparzer dazu taugt, die Zerbrechlichkeit heutiger Demokratien anzudeuten. Auf die jüngste Premiere am Vorarlberger Landestheater bezogen, wäre das Erste mit einem klaren Nein zu beantworten und das Zweite mit einem vagen Ja.

Im Zirkus

Dass das 1825 uraufgeführte Stück reichlich Habsburg-patriotische Tendenzen und damit mehr als nur einige historische Ungenauigkeiten enthält, ist in Österreich jedem bekannt, der die Schule nicht als Penne verstand. Als neue Erkenntnis lässt sich ein Abweichen von der eigentlichen Fassung schon einmal nicht verkaufen, der deutsche Regisseur Johannes Lepper verzichtet wie viele seiner Vorgänger weitgehend auf die Lobpreisung auf Österreich und stellt Charpentier und Beethoven, das heißt die  Eurovisions- wie die Europa-Hymne, ins Zentrum der Musikauswahl, die Walzer, Polkas und Märsche à la Strauß-Vater und -Sohn, aber auch Tom Waits‘ „I’ll shoot the moon“ enthält. Wem der Zirkus, in dem sich das gesamte Geschehen wohl zur im Theater gerne genommenen Distanzschaffung sowie zur Beschleunigung abspielte, zu bunt wurde und das Theater in der Pause verließ (was doch einige taten), der hat nicht nur den Fall Ottokars versäumt, der ein tiefer ist, sondern auch ein mit Hinweisen gespicktes Ende. Rudolf, der hier gut intendiert ein blasser bleibt, weil er die Ränke durchtrieben (gut gespielt von Hansa Czypionka) im Hintergrund schmiedet, präsentiert seinem schweigend lächelnden Sohn das Erbe. Was wird den Menschen nun wohl widerfahren? Ein Clown schüttet Rindenmulch auf den gestürzten Ottokar und das Zirkusrad dreht sich weiter. So wie das Stück begonnen hat, bevor Primislaus Ottokar sich ganz dem Klischeebild eines gerade ernannten Top-Managers entsprechend in seinem Glück weidete. Selbst seiner Stimme verleiht Jürgen Sarkiss einen zynischen Unterton. Smart entledigt er sich seiner Frau, von der er sich zuvor noch das Erbe sicherte. Zu Anzug und Fliege trägt er Soldatenstiefel. Doch, wir wissen was kommt, am Ende liegt er da im Hemd wie ein winselnder Hund. Plakatives ist ihm auferlegt.

Hohes Tempo

Vor Pathos scheut sich Lepper nicht, mit hohem Tempo stemmt er sich dagegen, scheucht seine Akteure in der Rolle von Zirkusartisten und historischen Figuren vor sich her, zeigt, was mit wenigen Requisiten doch alles darzustellen ist. Felix Defèr ist als Zawisch und Horror-Clown die treibende Kraft. Ob es wirklich so gut war, einigen Schauspielern Mehrfachrollen aufzubürden, muss offen bleiben. Konzentration zu fordern, ist allerdings legitim. Und die Spannung flaut dank der Ensemble-Leistung nie ab, selbst wenn die Psychologie bei diesem Tanzen und Töten etwas auf der Strecke bleibt.

Nächste Aufführung am 7. Mai und weitere bis 22. Juni im Theater am Kornmarkt in Bregenz: www.landestheater.org Dauer: knapp 3 Stunden mit Pause.