Vorarlberger Interpreten mischten das Schubertiade-Programm kräftig auf

Kultur / 06.05.2019 • 12:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
In einem geistlichen Konzert wurde der Markus-Sittikus-Saal am Samstag quasi zum Kirchenraum.Schubertiade

Glänzende Schubertiade-Debüts in Hohenems.

Hohenems Am Ende des ersten Schubertiade-Teils bot das Festival zwei sehr konträre Möglichkeiten an, sich mit Schuberts Musik auseinander zu setzen. Da war einerseits die Erbauung an der wundervoll schlichten geistlichen Musik des Meisters, andererseits auch die Möglichkeit zur Erheiterung in einem Programm mit Schuberts Handwerkerliedern. Erfreulich: In beiden Fällen fügten sich heimische Vokal- und Instrumentalsolisten in die international besetzten Ensembles und bestanden damit glänzend ihre Schubertiade-Debüts. Vielleicht ein Versprechen für die Zukunft?

In einem geistlichen Konzert wird der Markus-Sittikus-Saal quasi zum Kirchenraum. Doch auch in dieser Saalakustik kommt ein insgesamt 75-minütiges Programm aus Schuberts sakralem Schaffen gut zur Wirkung, das sich ein eigens für diesen Anlass formiertes Ensemble mit viel Liebe zum Detail erarbeitet hat. Das instrumentale Fundament bilden das seit 2010 hier tätige, exzellente Minetti-Quartett und Josef Gilgenreiner am Kontrabass, die als Streichquintett gleich mit der Ouvertüre in c-Moll zu imposanter Größe heranwachsen – ein Meisterwerk des 14-jährigen Schubert. Die Streicher begleiten auch die deutsche Sopranistin Marie-Sophie Pollak, die eigentlich erst im Oktober hier debütieren sollte und nun für die erkrankte Anna-Lucia Richter eingesprungen ist. Mit ihrer hellen, jugendfrischen Stimme und leichter Höhe bewältigt sie scheinbar spielend Schuberts gläubiges „Salve Regina“ A-Dur.   

Graham Johnson, Moderator und Klavierbegleiter, Christina Landshamer, Sopran, aus München und Alex Ladstätter, Bregenz, Klarinette. Schubertiade
Graham Johnson, Moderator und Klavierbegleiter, Christina Landshamer, Sopran, aus München und Alex Ladstätter, Bregenz, Klarinette. Schubertiade

Ab da ist dem wie gewohnt souverän agierenden Feldkircher Domorganisten Johannes Hämmerle an seiner Truhenorgel das instrumentale Fundament der weiteren Werke anvertraut. Ein insgesamt siebenköpfiges Vokalensemble aus auswärtigen und heimischen Gesangssolisten übernimmt mit großer Flexibilität und Geschlossenheit in verschiedenen Besetzungen unterschiedliche chorische und solistische Aufgaben. Das sind neben der erwähnten Marie-Sophie Pollack die beiden versierten heimischen Kräfte Sabine Winter, Sopran, und Isabel Pfefferkorn, Alt, die beiden Tenöre Jan Petryka aus Polen und Nik Kevin Koch aus Stuttgart, der Appenzeller Bariton Manuel Walser und der Bass Martin Summer aus Muntlix. Nach dem gemeinsam gesungenen „Chor der Engel“ aus Goethes „Faust“ schälen sich in der Szene im Dom Pollak und Walser als Gretchen und böser Geist solistisch heraus, während Winter, Pfefferkorn, Koch und Summer den vierstimmigen Chor bilden. Besonders eindrücklich die Vertonung des 92. Psalms in hebräischer Sprache für den aus Hohenems stammenden jüdischen Kantor Salomon Sulzer mit Manuel Walser als Baritonsolisten – bis heute die einzige direkte Verbindung Schuberts zu Vorarlberg. Die kurze Messe Nr. 2 in G-Dur, die volkstümlichste unter seinen sechs Messordinarien, die heute jeder bessere Kirchenchor singt, bildet in dieser kammermusikalischen Version mit Solisten, dem vierköpfigen Chor und dem Minetti-Quartett den Abschluss dieses besonderen Konzertnachmittags vor vollem Haus.

Handwerkerlieder

Tags darauf hätte man von einem dreistündigen Liedprojekt keine Sekunde missen mögen, so spannend erläuterte der legendäre britische Musikwissenschafter Graham Johnson als Leitfigur das von ihm selbst entwickelte Thema „Arbeit und Berufe in Schuberts Liedschaffen“. Es ging dabei um jene „kleinen Leute“ seines Standes, die er neben gekrönten Häuptern mit ihrer Profession oftmals zum Inhalt seiner Lieder gemacht hat. Mit Bienenfleiß hat Johnson als hervorragendster Schubertkenner unserer Zeit, seit 29 Jahren bei der Schubertiade tätig, mit 32 „Handwerkerliedern“ eine Überfülle an Material zusammengetragen. Allein neun „Wasserlieder“ von Fischern und Schiffern sind es, zudem von Schäfern, Jägern, Hirten oder Tischlern, die er ausführlich und oft ironisch kommentiert und dabei deren gesellschaftliche, soziale und musikhistorische Zusammenhänge und Hintergründe ausleuchtet. Zudem übernimmt Graham Johnson mit der unglaublichen Energie eines 68-Jährigen auch die Aufgabe des subtil mitgestaltenden Klavierbegleiters für drei namhafte Liedgestalter, die seine Ausführungen mit praktischen Beispielen anschaulich und auf höchstem Niveau illustrieren.

Die Sopranistin Christina Landshamer veredelt das „Gretchen am Spinnrade“ und findet im poetischen „Hirt auf dem Felsen“ mit dem heimischen Klarinettisten Alex Ladstätter bei dessen Debüt einen gleichgesinnten Duo-Partner. Wunderbar sanglich und mit weichem Ton trägt er wesentlich zum Erfolg bei und fürchtet sich auch keinen Moment vor dem tückisch heiklen Ausklang. Der Tenor Daniel Behle überzeugt draufgängerisch vor allem im Jägerlied „Die böse Farbe“ aus der „Schönen Müllerin“, der Bariton Benjamin Appl schwankt im düsteren „Totengräbers Heimwehe“ zwischen Resignation und Bedrohlichkeit. Über Dinge wie das Terzett vom vertändelten „Hochzeitsbraten“, der zum deutlichen Schlussapplaus führt, hat man bereits im Biedermeier geschmunzelt – und tut es auch heute noch. Fritz Jurmann

Rundfunkwiedergabe des geistlichen Konzertes: 23. Mai, 19.30 Uhr, Ö1
Nächstes Schubertiade-Konzert in Hohenems, Markus-Sittikus-Saal: 15. Mai, 20.00 Uhr – Khatia Buniatishvili, Klavier