„Menschen schaffen sich Heimat“

09.05.2019 • 16:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Ethnologe Reinhard Johler ist Träger des Vorarlberger Wissenschaftspreises. Er ist Gast bei den Feldkircher Literaturtagen. UNI TÜBINGEN
Der Ethnologe Reinhard Johler ist Träger des Vorarlberger Wissenschaftspreises. Er ist Gast bei den Feldkircher Literaturtagen. UNI TÜBINGEN

Bei den Feldkircher Literaturtagen wird mit Reinhard Johler ein starkes Thema verhandelt.

Feldkirch, Tübingen Der Vorarlberger Reinhard Johler ist Stellvertretender Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen. Er hat zahlreiche Beiträge zur Ethnologie und Kulturanthropologie publiziert und wurde mit dem Vorarlberger Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Am Wochenende ist er zu Gast in Vorarlberg.

 

Das Thema der Feldkircher Literaturtage nennt sich in diesem Jahr „Heimat denken“. Wenn Sie als Ethnologe an Heimat denken, welche Aspekte sind es, die Ihnen zuallererst dazu einfallen?

Johler Wenn man in Feldkirch über Heimat redet, dann sollte man zuallererst an den Vorarlberger Schriftsteller und Philosophen Jean Améry erinnern. Améry, dessen jüdische Familie aus Hohenems stammte, hat die bis heute gültige Frage „Wie viel Heimat braucht der Mensch?“ gestellt. Seine Antwort: „Es ist nicht gut, keine Heimat zu haben.“

 

Der Heimatbegriff steht immer noch im Verdacht, im politisch rechten Eck lokalisiert zu sein. Kann und soll man ihn daraus befreien?

Johler Heimat ist ein recht alter Begriff und hat im Laufe der letzten 200 Jahren ganz unterschiedliche Bedeutungen gehabt. Er kann daher heutzutage ein- und er kann ausgrenzend genutzt werden. Ich meine aber, dass Heimat offen verstanden werden sollte. Alles andere ist ein allzu offensichtlich zu Wahlzeiten geplantes politisches Geplänkel.

 

Manche Menschen behaupten, dass es so etwas wie Heimat nicht gibt bzw. dass sie eine Utopie sei. Was entgegnen Sie diesen?

Johler Eigentlich hat Heimat – Hoamat in Vorarlberg – immer etwas Konkretes gemeint. Das eigene Grundstück etwa. Durch die Veränderungen des 19. Jahrhunderts ist diese Heimat aber zunehmend verloren gegangen. Stattdessen ist für viele Menschen Heimat zum Gefühl (Heimatliebe), wenn nicht sogar zur ersehnten Utopie (Sicherheit) geworden. Beides aber – der Verlust und die neue Liebe – machen die Stärke des Heimatbegriffs in der Gegenwart aus.

Sie haben sich in Ihren Forschungen an der Universität Tübingen auch mit Migration und Flucht beschäftigt. Was bedeutet der Heimatbegriff in diesem Zusammenhang?

Johler Heimat hat über die Jahrhunderte hinweg eng mit Migration zu tun. Erst wer wandert, muss sich überlegen, woher er kommt und wohin er will. Die Geschichte des Landes Vorarlberg zeugt davon in besonderer Weise: Menschen haben eine Heimat, aber noch viel mehr: Sie schaffen sich auch immer wieder eine neue Heimat. Das trifft natürlich auch auf Geflüchtete zu.

 

Sie leiten die Podiumsdiskussion im Rahmen der Feldkircher Literaturtage und haben als Thema dafür „Heimat haben“ gewählt. Welche Fragestellungen stehen im Zentrum?

Johler In der Gesprächsrunde haben wir Autorinnen und Autoren, die wunderbare Bücher geschrieben haben. In diesen geht es primär um Mobilität und um kulturelle Vielfalt. Wie das aber mit Heimat zu tun hat (oder auch nicht), möchte ich gerne diskutieren und dabei auch das Publikum zu Wort kommen lassen.

 

Sie diskutieren das Thema mit den Autorinnen Petra Piuk, Ijoma Mangold und Theodora Bauer, die „Heimat“ literarisch auf ganz unterschiedliche Art bearbeiten. Ist es die Aufgabe der Literatur, den in der Vergangenheit so negativ besetzen Begriff zu dekonstruieren und vielleicht auch wieder neu zusammenzusetzen?

Johler Literaten haben – Stichwort: Heimatliteratur – wesentlich zu unserem heutigen Verständnis von Heimat beigetragen. Dies geschah hin und wieder kitschig, aber auch – man denke nur an den Bregenzerwälder Schriftsteller Franz Michael Felder – sehr kritisch. Es ist daher nicht uninteressant, die Gegenwart der Literatur mit Blick auf die aktuelle Heimatkonjunktur zu befragen. VN-CD

Der Vortrag und die Diskussion mit Reinhard Johler im Rahmen der Feldkircher Literaturtage finden am 11. Mai, ab 19.30 Uhr statt: www.saumarkt.at