Widerspruch, der sich lohnt

09.05.2019 • 16:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Innenhof des Pavillons hat die Künstlerin Renate Bertlmann 312 Rosen aneinandergereiht. Die blutroten Blüten sind aus Glas.  VN/Dietrich
Im Innenhof des Pavillons hat die Künstlerin Renate Bertlmann 312 Rosen aneinandergereiht. Die blutroten Blüten sind aus Glas.  VN/Dietrich

Mit Künstlerinnen gelingt Österreich ein starker Auftritt in Venedig.

Venedig, Bregenz „Ich widerspreche, also bin ich“: Sollten Sie in nächster Zeit jemanden treffen, der eine rosa Umhängetasche mit der Aufschrift „Discordo ergo sum“ mitführt, dann handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Person, die die Biennale Venedig bereits besucht hat. Am Samstag wird die traditionsreichste Kunstausstellung der Welt eröffnet, der Austria-Pavillon ist seit Donnerstagnachmittag offiziell zugänglich. Die Länderauftritte der Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Kunst-Plattform verschaffen den jeweils Nominierten weitere Reputation.

Österreichs Biennale-Geschichte weist eine zentrale Fragwürdigkeit auf, die Bespielung des Pavillons am Ende der Giardini haben bereits einige Kuratorinnen bzw. Kommissärinnen verantwortet, während Künstlerinnenbeiträge in anderen Länderpavillons seit Jahren eine Selbstverständlichkeit sind, tritt heuer für Österreich dort erstmals in der langen Geschichte der Ausstellung eine Künstlerin allein auf. Eine große Auflage für Renate Bertlmann. Kommissärin Felicitas Thun-Hohenstein hat viel richtig gemacht. Sie hat eine Künstlerin gewählt, die seit Jahrzehnten Qualität liefert, deren Namen nur nicht so geläufig ist wie die Namen jener, die von den Künstler-Kuratoren-Galeristen-Seilschaften profitieren. Renate Bertlmann: „Ich habe mich sehr gefreut, dass ich hier ausstellen kann, aber es geht mir nicht nur um mich. Ich hoffe, dass meine Präsenz hier eine Initialzündung Richtung einer gendergerechten Bespielung des Pavillons ist. Wir haben so viele gute Künstlerinnen, es ist wirklich Zeit, dass diese hier ein Forum bekommen.“

Unübersehbares aus Vorarlberg

Und hoppla, bevor nur vom Austria-Pavillon mit seinen 312 aufgespießten Rosen die Rede ist, sei auf die Hauptausstellung „May you live in interesting times“ von Ralph Rugoff verwiesen. Unübersehbar wurden dort Arbeiten von Ulrike Müller platziert. Die Vorarlbergerin (geb. 1971) ist seit Jahren in der New Yorker Kunstszene tätig, untersucht mit Zeichnungen und Malerei, mit Video- und Performance-Arbeiten das gesellschaftspolitische Potenzial der künstlerischen Tätigkeit.

Die in Venedig gezeigten Wandarbeiten bringen diesbezüglich die Vielschichtigkeit eines Formenkanons zum Ausdruck. Kraftvoll führt Ulrike Müller das weiter, was beispielsweise Matisse mit seinem Jazz-Zyklus begonnen hat. Auch Renate Bertlmann (geb. 1943) hat keine Scheu vor retrospektiven Vorgehensweisen. Viel mehr wird beim Gang durch den Pavillon, dessen Gestaltung eine Kompaktheit aufweist, wie sie dort in den letzten Jahrzehnten selten zu sehen war, klar, dass Aussagen, die Bertlmann vor Jahrzehnten traf immer noch gültig sind. Rollenbilder, Sexualität, Körperlichkeit, Pornographie, Eros werden ironisch gebrochen. Wir sehen Skizzen, Fotos und Dokumente von Performances. Einmal wird ein präparierter Elefantenpenis mit einer Länge von 1,45 Metern und einem Gewicht von 15 Kilos angeboten. Es lässt sich wohl kaum besser darstellen, dass viele Männer ungemein viele Ressourcen für eine Bagatelle vergeuden.

Beeindruckendes Ergebnis

Bertlmann arbeitet subversiv und bei der Untersuchung von Mechanismen sehr genau. Den Pavillon von Josef Hoffmann und Robert Kramreiter, auf den Verena Konrad beispielsweise als Kommissärin der Architektur-Biennale im letzten Jahr so schön Bezug nahm, hat sie erkundet, indem sie ihn stundenlang abschritt, sich darin aufhielt.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Der Bau mit seiner 1930er-Jahre-Ästhetik wurde überzeugend bewältigt. „Amo ergo sum“ („ich liebe, also bin ich“) steht in Schreibschrift in Anlehnung an das „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) des Philosophen Descartes an der Fassade.

Je nach Sonnenstand verdoppelt sich das Schriftbild und taucht als Schattensignatur zum zweiten Mal auf. Im Innenhof reihen sich 312 Rosen aneinander. Die blutroten Blüten aus Glas sind aufgespießt. Empathie, Schönheit, Gewalt, Schmerz, aber auch Gegenwehr formieren sich zu einer starken Ansage. Der Eleganz und dem Kitsch, die solchen Installationen oft innewohnen, begegnet Renate Bertlmann mit ihrem Instinkt für Subversion, die unweigerlich zum Ausdruck kommt.

„Wir haben so viele gute Künstlerinnen, es ist Zeit, dass diese hier ein Forum bekommen.“

Biennale Venedig vom 11. Mai bis 24. November 2019, 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen: www. labiennale.org