Ein Rückblick bleibt ein Rückblick

10.05.2019 • 16:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Kein WunderFrank GoosenKiepenheuer & Witsch348 Seiten

Kein Wunder

Frank Goosen

Kiepenheuer & Witsch

348 Seiten

War das geteilte Deutschland mehr als das vereinte? Frank Goosen hat darüber nachgedacht.

Romane Vor drei Jahren brachte Frank Goosen einen leicht autobiografischen Roman, „Förster, mein Förster“, heraus. In diesem ging es um drei Freunde, die sich zwar ihre beruflichen Träume erfüllt, jedoch einen Hänger in der Lebensmitte haben. Sie fuhren mit einem alten VW-Bus an die Ostsee, dort renkte sich mehr oder minder alles wieder ein. Förster war der Hauptcharakter, der quasi den ganzen Laden rockte. Drei Jahre später ist er mit seiner Gang zurück, in Bochum und Berlin der späten 80er-Jahre, um in seiner umtriebigen Art die Zeit bis zur Wende mitzubekommen. „Kein Wunder“ nennt sich der Roman. Eines muss man dem Bochumer Autor zugutehalten: Er fängt die Zeit der späten 1980er-Jahre gut ein: Das Zechen-Sterben, die noch eher dunkelgraue Szene, aber auch eine Meute greller, junger Menschen, die hüben und drüben in den Startlöchern scharren, eben weder übertrieben busy noch total im Eck. Das alles in der Beschaulichkeit, die Rückblicke mit sich bringen, jedoch mit einem großen kulturellen Verständnis, um die Zeit wirklich ins Heute zu transferieren. Eine eher nüchterne Abhandlung, wie sie Sven Regener mit seinen Lehmann-Romanen fabrizierte, ist nicht die Herangehensweise von Goosen, dafür ist er mit viel Herzblut und Detailwissen bei der Sache.

Ohne Verbitterung

Joey Goebel ist ein junger amerikanische Autor, der Grunge-Musik machte, bevor er in der Literatur seine wahre Berufung fand. Das ist insofern wichtig, weil die Musik und das künstlerische Umfeld immer in seine Romane und Kurzgeschichten einfließen. Waren seine ersten Romane wie „Vincent“ und „Freak“ noch zögerlich, legt er nun ausgerechnet mit der Kurzgeschichtensammlung „Irgendwann wird es gut“ seine Reifeprüfung ab. Goebels Kurzgeschichten finden allesamt in einer Kleinstadt in Kentucky statt: das sonderbare Paar, das immer im Garten steht und Zigaretten raucht, die College-Lektorin mit einem ihrer Studenten in einer delikaten Situation, oder die Nachrichtenmoderatorin Olivia, die als Sonnenschein der Kleinstadt gleich zwei Stalkern ausgeliefert ist. Sehr oft wollen seine Protagonisten aus ihrer Welt ausbrechen, schaffen es jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht. Lachend oder auch hinkend fristen sie nun ihr Leben, den Absprung verpasst, jedoch ohne Verbitterung.

Natürlich fließt hier viel mit ein. John Updikes Rabbit-Romane in etwa, die große Fürsorge eines Stewart O’Nan oder die Charakterführung einer Patricia Highsmith. Das sind natürlich Schwergewichte in der US-Literatur. Goebel ist auf dem Weg dorthin. Sehr fein zeichnet er die Charaktere, gekonnt unspektakulär stellt er ihr Schicksal dar. Reizvoll ist die Verbindung der Figuren, die miteinander leicht verwoben sind. Vielleicht hätte es einen starken Charakter gebraucht, einen roten Faden, der die außergewöhnlichen Geschichten zu etwas Geschlossenem verbindet. Aber die Storys zeigen einmal mehr das amerikanische Kleinod in all seinen Facetten und stilgerecht die am Abgrund stehenden Einwohner. Eine große Sache.

Irgendwann wird es gutJoey Goebel, Diogenes313 Seiten

Irgendwann wird es gut

Joey Goebel, Diogenes

313 Seiten