„Nein, das war ärger als die Hölle“

Kultur / 10.05.2019 • 18:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Unfassbare WunderAlexandra Föderl-Schmid und Konrad Rufus Müller, Böhlau Wien, 184 Seiten

Unfassbare Wunder

Alexandra Föderl-Schmid und Konrad Rufus Müller, Böhlau Wien, 184 Seiten

Holocaust-Überlebende erzählen ihre Geschichte.

Porträtband Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, der Zweite Weltkrieg war in Europa vorbei, ebenso die Diktatur des Nationalsozialismus. In Österreich und anderen Ländern wird am Tag der Befreiung dem Ende der NS-Herrschaft gedacht, 74 Jahre ist das nun her. Immer geringer wird die Zahl an Menschen, welche die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten selbst miterlebt und in vielen Fällen auch nur knapp überlebt haben. Sechs Millionen Juden fielen der Vernichtungsmaschinerie der Nazis zum Opfer. In „Unfassbare Wunder“ haben Alexandra Föderl-Schmid, die Israel-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ und frühere Chefredakteurin des „Standard“, und der Fotograf Konrad Rufus Müller die Geschichten von Holocaust-Überlebenden aus Österreich, Deutschland und Israel aufgezeichnet. Föderl-Schmid sprach mit Menschen, die Pogrome erlebten, zum Teil auch Konzentrationslager, die Familienmitglieder und Freunde verloren haben und in die Flucht getrieben wurden. Von Müller stammen die Porträts der Zeitzeugen. Gemeinsam dokumentieren Text und Fotos die einzigartigen Lebensgeschichten von Personen, die es oftmals als „unfassbare Wunder“ ansehen, dass sie überlebt haben. Daher kommt der Titel dieses beeindruckenden Buches.

Da ist etwa der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg, Marko Feingold. 1913 wurde er in Besztercebanya (heutige Slowakei) geboren. Aufgewachsen ist der fast 106-Jährige in Wien. Er hat die KZ Auschwitz, Dachau, Neuengamme und Buchenwald überlebt. „Man wollte mich in den Tod befördern, von Lager zu Lager. Aber ich sitz‘ immer noch da und hab‘ die meisten von denen, die damals auf ihren Posten gesessen sind, überlebt“, sagt Feingold. Seit Kriegsende lebt er in Salzburg. Nach 1945 verhalf er Tausenden dort gestrandeten Juden zur Flucht in Richtung Palästina. Oder Giselle Cycowicz, Jahrgang 1927, aus Chust (heutige Ukraine). Sie überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau, emigrierte nach dem Krieg in die USA. Später wanderte sie nach Israel aus, wo sie als Psychotherapeutin arbeitete. Cycowicz betont: „Wir sind durch die Hölle gegangen. Nein, das war ärger als die Hölle.“ Neben Feingold und Cycowicz kommen viele weitere Zeitzeugen zu Wort, etwa der Maler Arik Brauer, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, und der mittlerweile verstorbene Schauspieler und Kabarettist Otto Stark. VN-RAM