Athen – einmal ganz anders

12.05.2019 • 05:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

 Ich war schon sehr oft in Athen. Seit vierzig Jahren besuche ich die Hauptstadt von Griechenland, die sich in dieser Zeit einwohnermäßig verdreifacht hat. Offiziell wohnen hier knapp vier Millionen Einwohner, inoffiziell werden es wohl mindestens fünf sein. Das aber ist nicht das einzig Verrückte an dieser Stadt. Ich bin süchtig nach Athen, nach diesem Chaos, das sich nicht zuletzt im Verkehr zeigt, nach den Menschen, die trotz aller politischen Widrigkeiten hier ausharren. Natürlich will ich immer wieder die antiken Stätten sehen, die Akropolis, die griechische und römische Agora, die Marktplätze als ehemalige politische und kulturelle Zentren, den Kerameikos, den antiken Friedhof und die Museen der Stadt mit ihren unvorstellbaren Schätzen, die es in dieser Konzentration auf der ganzen Welt nur hier gibt.

Ich bin süchtig nach Athen, nach diesem Chaos, das sich nicht zuletzt im Verkehr zeigt

Nie wäre ich bei einem meiner Aufenthalte auf die Idee gekommen, in Athen neue, qualitätsvolle Architektur zu suchen. Bis vor einigen Tagen. Da konnte ich an einer Exkursion der Zentralvereinigung der Architekten Vorarlbergs teilnehmen – genau zu diesem Thema. Da lernte ich ein Athen kennen, das sich mir bisher nicht erschlossen, das ich wohl auch vernachlässigt hatte. Ich kam in Viertel, die eine grüne Stadt mit großen Fußgängerzonen zeigten, in Viertel, die auch so etwas wie Wohnqualität vermitteln konnten. Und ich sah Bauten, die mehr als nur bemerkenswert waren. Etwa den Baukörper einer Dependance des Benaki Museums aus dem Jahre 2004, gestiftet von einem großen Kunstsammler. Oder, besonders überraschend, das Petralona-Haus aus dem Jahre 2016, ein Einfamilienhaus mit Garten mitten im Zentrum Athens, von einem Ehepaar mit bescheidenen Mitteln, aber viel Kreativität errichtet. Dann die Wiederbelebung der klassischen Agora im Stadtmarkt von Kipseli, das Verwaltungsgebäude der Nationalbank von Griechenland von Mario Botta und nicht zuletzt das vom Reeder Stavros Niarchos finanzierte Kulturzentrum von Renzo Piano, außerhalb der Stadt in einem riesigen Park gelegen. Beeindruckende Architektur, die trotzdem die Frage nach der Dimension aufkommen lässt.  

Man könnte weiter Beispiele anführen, die mir alle gezeigt haben, dass ich bisher nicht genau genug hingeschaut habe. Umso spannender war dieser kurze und strenge, aber perfekt organisierte Ausflug in ein für mich neues Athen. Das Ergebnis für mich: Bei meinem nächsten Besuch werde ich wohl manches noch einmal anschauen und sicher auch neues suchen – abseits der touristischen Trampelpfade, deren es in Athen genug gibt.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.