Der Kammerchor Vocale Neuburg überraschte mit tollen Choreografien

Kultur / 12.05.2019 • 21:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Oskar Egle präsentierte seine Sänger auf gewohnt glänzendem Niveau mit  einem breiten Angebot an hochklassiger Chormusik.Fritz Jurmann
Oskar Egle präsentierte seine Sänger auf gewohnt glänzendem Niveau mit einem breiten Angebot an hochklassiger Chormusik.Fritz Jurmann

Die Sänger des Spitzenchors sind auch Bewegungstalente, wie sie in der Kulturbühne Ambach bewiesen haben.

Götzis Es ist auch für einen halbprofessionellen Spitzenchor wie Vocale Neuburg kein Honiglecken, seinem Publikum wie beim Jahreskonzert am Samstag in der ausverkauften Kulturbühne Ambach ein zweistündiges pausenloses Programm zu bieten, auch wenn man zur Unterstützung mit Cantus Novus einen Gastchor aus Wien eingeladen hatte. Oskar Egle präsentierte seine Sänger auf gewohnt glänzendem Niveau mit einem breiten Angebot an hochklassiger Chormusik und forderte ihnen in kleinen Choreografien auch wieder einiges an Bewegungstalent ab.

Spitzengruppe des heimischen Chorwesens

Seit unglaublichen 37 Jahren leitet Chorguru Oskar Egle nun Vocale Neuburg, hat den 1982 von ihm gegründeten 35-köpfigen Kammerchor verdientermaßen längst in die Spitzengruppe des heimischen Chorwesens geführt und zu einem Instrument und Ausdrucksmittel seines eigenen musikalischen Empfindens, seines überragenden Könnens als Chorleiter geformt. Herausstechend ist dabei für offene Ohren stets der ganz besondere Klang, mit dem Oski, wie ihn seine Freunde nennen, als Markenzeichen dieses Vokalensemble ausgestattet hat, so dass man es quasi blind erkennen würde. Das wird an diesem Abend im direkten Vergleich mit einem anderen Chor wieder einmal besonders deutlich. Dabei geht es um die spezielle Betonung von Vokalen, stimmliche Färbung, Repertoire und Verhältnis zwischen Frauen- und Männerstimmen, die diesen feinen Unterschied ausmachen.

Vielfach ausgezeichneter Gastchor

Es geht aber absolut nicht um Qualität, denn der 30-köpfige Chor Cantus Novus aus Wien mit engagierten Sängern aus dem dortigen Diözesankonservatorium wurde bereits vielfach ausgezeichnet und präsentiert sich auch hier unter der Leitung des kundigen Thomas Holmes überzeugend klangvoll und vielfältig mit einer schönen Breite an Repertoire, das von Brahms-Liedern bis zu einer mit swingendem Bass grundierten Chorbearbeitung des Songs „Fix you“ der britischen Rockband Coldplay reicht. Aber natürlich will da in einer Art gedachtem Wettbewerb um die Publikumsgunst, bei dem es weder Sieger noch Verlierer gibt, Vocale Neuburg nicht zurückstehen und präsentiert in seinem Soloblock anspruchsvolle aktuelle A-Capella-Literatur, die Oskar Egle bei internationalen Seminaren ausgesucht hat und imponierend umsetzt. Obfrau Monika Renner präsentiert zum besseren Verständnis die emotionalen oder religiösen Hintergründe dieser Chorwerke, die thematisch alle dem Motto des Abends untergeordnet sind, „The Road Home“, mit Orten der Sehnsucht und der philosophischen Frage: Wohin geht unsere Reise?

Seit unglaublichen 37 Jahren leitet Chorguru Oskar Egle nun Vocale Neuburg. Fritz Jurman
Seit unglaublichen 37 Jahren leitet Chorguru Oskar Egle nun Vocale Neuburg. Fritz Jurman

Eines davon fällt ganz besonders aus dem üblichen Rahmen, „Canticum calamitatis maritimae“ des Finnen Jaakko Mäntyjärvi über ein Schiffsunglück à la Titanic mit vielen Toten. Das ergibt als eine Art Requiem mit archaischem Anstrich, Natur- und Klagelauten mit Soloeinlagen ein beeindruckendes Klanggemälde, das freilich in Intonation und Präzision ab und zu etwas schwächelt. Dafür imponiert es unglaublich, wenn die Sängerinnen und Sänger bei „El Hambo“ desselben Komponisten ihre Notenmappe auch einmal beiseitelegen, um sich in kleinen Einzelgruppen auf der Bühne rhythmisch zu bewegen oder mit den Fingern zu schnipsen und die Musik mit ihren oft abenteuerlich eng gesetzten Harmonien dabei umso lockerer und trotzdem blitzsauber zur Wirkung kommt.

Besonders imposant sind schließlich jene Momente, in denen sich die beiden Chöre, abwechselnd von ihren Chefs dirigiert, zu einem imposanten Klangkörper vereinigen: mit dem in wuchtigem Unisono aufrauschenden „Elijah Rock“ von Moses Hogan, mit dem mystischen „Water Night“ des gefragten amerikanischen Neo-Impressionisten Eric Whitacre, mit dem traditionellen Liebeslied „I love my love“ von Gustav Holst oder dem rhythmisch faszinierend ineinander verschachtelten Spiritual „Joshua fit the battle“. Das Konzert endet so, wie es begonnen hat, indem die Chorsänger auf der Bühne und an den Seitengängen des Saales die Zuhörer mit einer Art Klangwolke, angereichert mit Obertongesängen, in ihre Mitte nehmen. Die Begeisterung ist auch nach zwei Stunden gewaltig. Fitz Jurmann