Soziale Gefüge tänzerisch beleuchtet

Kultur / 13.05.2019 • 18:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Mit drei höchst unterschiedlichen Choreografien versetzte das Ensemble das Bregenzer Publikum in Hochstimmung. U. Mittelberger
Mit drei höchst unterschiedlichen Choreografien versetzte das Ensemble das Bregenzer Publikum in Hochstimmung. U. Mittelberger

National Dance Company Wales erstmals beim Bregenzer Frühling.

Bregenz Mit langanhaltendem, begeistertem Applaus dankten die Besucher im voll besetzten Festspielhaus der erstmals hier gastierenden National Dance Company Wales aus der Hafenmetropole Cardiff. Mit drei höchst unterschiedlichen Choreografien, uraufgeführt zwischen 2016 und 2018, versetzte das junge achtköpfige Ensemble das balletterfahrene und verwöhnte Bregenzer Publikum in Hochstimmung.

Die Choreografie „Tundra“ von Marcos Morau zeigte das Ensemble in höchst fantasievoller bunter Bekleidung, angelehnt an russische Volkstrachten und Uniformen. Ungewöhnlich langsam, fast in Zeitlupe bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer, immer exakt synchron, mit nur wenigen Ausreißern. Anfangs scheinen sie zu rollen, elegant Kreise zu ziehen, dann werfen sie die weiten Röcke ab, tanzen auf weißen Strümpfen weiter – in einer Reihe mit kleinen, akkuraten Bewegungen, wie eine Raupe, die sich voranschiebt. Arme und Beine beschreiben fließende Bewegungen, bilden sich überkreuzende Girlanden. Ausgestreckte Beine, schräg gelegte Köpfe oder Oberkörper bilden immer neue Muster vor einem Hintergrund, der schwarz bleibt oder sich zu einem schmerzhaft gleißend weißen Band öffnet. Gruppenprozesse in faszinierender Geschlossenheit zu bald natürlichen, bald maschinellen Geräuschen.

Raum für eigene Interpretationen

Ein Leuchtturm stand Pate für Mario Bermudez Gils Choreografie „Atalaÿ“ für vier Tänzer von 2018, in der eine ähnliche, auf wenige Gesten reduzierte Sprache zu erleben ist. Die Tänzer bewegen sich auf fast dunkler Bühne. Lichtkegel und Lampen, die die Figuren herausheben, auf Konturen reduzieren, spielen mit. In dominantem Braunton bewegen sie sich ganz ruhig oder verfallen in vorübergehende Hektik, tasten sich voran, kriechen, zucken, erstarren, verharren in Andachtshaltungen oder Schwimmbewegungen – eine Choreografie, die dem Betrachter Raum lässt für eigene Interpretationen.

Ein Vintage-Märchen nennt sich die dritte Choreografie „Folk“ von Hauschoreografin Caroline Finn. Unter den kahlen Ästen eines kopfüber hängenden Baumes mit mächtigen Wurzeln spielt sich in Standbildern und Bewegungen ein magisch-surreales Geschehen ab. Spannend jede Bewegung, jede kleine Veränderung, jede Interaktion, eine mitreißende verwunschene, entrückte ferne Welt zu so vertrauter Musik wie Offenbachs Barcarole oder Theodorakis‘ Sorbas. Tosender Beifall dankte dem Ensemble.