Gerald Matt

Kommentar

Gerald Matt

Ich liebe, daher bin ich

15.05.2019 • 19:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wieder war es soweit. Die Biennale Venedig eröffnete ihre Pforten. Weit mehr als eine halbe Million Besucher werden bis zum Ende dieser Kunstschau der Superlative erwartet. In der Eröffnungswoche traf die Creme der Kunstwelt, Sammler, Museumsdirektoren, Kritiker und Experten aus der ganzen Welt in Venedig ein.

Multimillionär François Pinault versuchte wieder zeitgerecht in seinen Häusern, dem Palazzo Grassi und der Dogana, mit Werken von Luc Tuymans und Gustostückerln seiner Sammlung ein künstlerisches Feuerwerk zu entzünden, landete mit der uninspirierten Shows aber eher einen Rohrkrepierer. Ralph Rugoff, Kurator der 58. Biennale, bedient sich mit dem Titel „Mögen wir in interessanten Zeiten leben“ ironisch eines chinesischen Fluchs, der sich insbesondere mit Positionen aus Afrika und Asien im Arsenal als Segen erwies. Die 1886 gegründete Biennale bewies wieder, dass sie die unbestrittene Nummer eins, Grande Dame, unter den weltweit inflationär sprießenden Kunstbiennalen ist. Sie präsentierte sich als eine wundervolle Reise.

„Auch auf das männliche Gockelverhalten im Kunstbetrieb reagierte sie immer wieder voller Ironie. “

Die Teilnahme kommt der Aufnahme in den Kunstolymp gleich und wird mit Ausstellungen, Sammlerinteresse und Preissteigerungen belohnt. 90 Länder zeigen an der weltgrößten Kunstschau ihre Highlights, 29 Nationen, darunter auch Österreich, sind in den Giardini vertreten.

Alle fieberten der Verleihung der Biennale-Auszeichnungen, den Löwen, für den besten Pavillon und Künstler entgegen. Zuletzt erhielten ihn die inzwischen verstorbenen österreichischen Künstler Maria Lassnig (2013) und Franz West (2011). Der diesjährige Löwe ging an eine richtungsweisende Präsentation aus Litauen, in der drei Künstlerinnen gemeinsam Fragen des Massentourismus, der Kommerzialisierung und Zerstörung unserer Welt in einer gattungsüberschreitenden Opernperformance grandios aufwerfen. Unter anderem überzeugten mich auch die Pavillons von Ghana und Kroatien. Wurden bisher Österreichs Pavillon und Künstler durch Kompromisse und Kuratoreneitelkeiten oft unter ihrem Wert geschlagen, versuchte Kuratorin Felicitas Thun Hohenstein ihre Chance zu nutzen. Sie wählte die Wiener Foto-, Objekt- und Performancekünstlerin Renate Bertlmann, die als erste Frau den österreichischen Pavillons allein bespielt. Auch wenn Österreich bei den Preisen leer ausging, so ist mit Renate Bertlmann eine bislang viel zu wenig wahrgenommene feministische Pionierin zu sehen, eine Künstlerin, deren oft radikale, aber auch surreale Antworten auf die Macht des Phallus und männliche Bevormundungen verstörten und die mit ihrer „Vagina dentata“ und Materialien wie Präservativen, Babyschnullern und Sexpuppen aufregte. Auch auf das männliche Gockelverhalten im Kunstbetrieb reagierte sie immer wieder voller Ironie, denn der Künstlerin ging es nie um bloße Provokation, im Gegenteil, sie will das „feminine Prinzip in eine maskuline Welt bringen und dadurch die Welt menschlich anstatt männlich machen“. So lautet ihr künstlerisches Lebensmotto, das auf der Fassade des Pavillons empfängt: „amo ergo sum. „(„Ich liebe, daher bin ich“). Für den Pavillon entwarf sie eine neue große Arbeit unter dem Titel „siscordo, ergo sum“ („Ich widerspreche, daher bin ich“ ) und erhöht damit den Widerspruch zu einer wesentlichen Haltung der Kunst.

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

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