Musiktipps. Von Fritz Jurmann

Kultur / 16.05.2019 • 18:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

KÜNSTLER City of Birmingham Orchestra/Kremerata Baltica

ALBUM Weinberg Symphonien Nr. 2 & 21, „Kaddish“

LABEL Deutsche Grammophon (2 CDs)

Mieczyslaw Weinbergs Oper „Die Passagierin“, die David Pountney als Regisseur und damaliger Intendant 2010 als Hausoper zum berührendsten Glanzpunkt in der Geschichte der Bregenzer Festspiele geprägt hat, wird inzwischen international bis Tel Aviv erfolgreich nachgespielt (die VN berichteten) und ist als beklemmende Thematisierung der Schrecken des Holocaust auch bei uns noch immer ein Thema. Die beiden Symphonien von 1946 und 1991 des lange verkannten, 1996 verstorbenen polnisch-jüdischen Komponisten atmen die Sprache seiner Oper, mit deutlichen Elementen der zartbitteren Klangwelt seines Mentors Dmitri Schostakowitsch, aus denen Weinberg seinen unglaublich starken, dabei höchst diffizilen eigenen Personalstil kreiert hat. Die Empfindsamkeit der lettischen Dirigentin Mirga Grazinyté-Tyle und Gidon Kremer mit seinem Violinsolo zum Kaddish, einer Art jüdischem „Vaterunser“, gehen unter die Haut.

KÜNSTLER Leif Ove Andsnes, Klavier

ALBUM Chopin Balladen und Nocturnes

LABEL SONY Classical

Chopin scheint gefragt. Gerade in den vergangenen Monaten haben sich viele Pianisten mit seinem Klavierwerk beschäftigt, auch der norwegische Pianist Leif Ove Andsnes (49), den man hier von seinen regelmäßigen Auftritten bei der Schubertiade von 2000 bis 2012 schätzen gelernt hat. Er erweist sich, wie einst bei Schubert, erneut als bezwingender musikalischer Erzähler und Seelenforscher. Chopins vier große Balladen, jede als eigener, dramatischer Kosmos verstanden, bilden das Gerüst, aufgefüllt mit drei einfacheren Nocturnes. Andsnes trifft im wahrsten Sinn des Wortes immer den richtigen Ton, von der Einfachheit und beinahe kindlichen Unbeschwertheit der Eröffnung der zweiten Ballade bis hin zum kraftvoll wirbelnden Finale der Nummer 4 als Opus magnum. Dazwischen erlebt man in meisterlicher Souveränität der Darstellung ein Wechselbad der Gefühle, von tiefster Trauer bis zur strahlenden Lebensfreude.

KÜNSTLER Lia Pale, Vocals, und Ensemble Mathias Rüegg

ALBUM The Brahms Song Book

LABEL Lotus Records

Das wäre wohl nichts für das Schubertiade-Publikum. Der Schweizer Jazzmusiker Mathias Rüegg, ehemals mit seinem inzwischen aufgelösten Vienna Art Orchestra auch in Bregenz zu Gast, hat seine Trilogie vollendet und nach Schubert und Schumann nun eine Auswahl von 15 Brahms-Liedern einfach zu Songs gemacht. Er belässt den Liedern zwar ihre Struktur, was bei „Heidenröslein“ zu verblüffenden Wiedererkennungseffekten führt, lässt diese aber durch die Vokalistin Lia Pale mit viel Jazzfeeling modulieren. Harmonik und Rhythmik der Lieder dagegen sind frechen Jazzakkorden gewichen, angelehnt an Teile der originalen Klavierbegleitung. Der Reiz der Gegensätze und Verbindungen zwischen Klassik und Jazz erschließt sich durch eine Combo und die englische Sprache. Puristen mögen sich mit Grauen wenden, tolerante Gemüter dürften entzückt sein über diese ungeschminkt heutige Neudeutung.

KÜNSTLER Chris Dahlgreen, Bass, mit Band

ALBUM DHALGREEN

LABEL Boomslang Records

Der Drummer Alfred Vogel lässt mit seiner Tonschmiede als Produktionsstätte interessanter Jazzprojekte aufhorchen und setzt sich dabei auch gleich selbst wieder ans Schlagzeug. So entstanden in Bezau Teile einer Porträt-CD um den New Yorker Jazzbassisten Chris Dahlgreen, der seit 2003 in Berlin lebt und unterrichtet. Der originelle Cover-Titel mit dem bewusst falsch geschriebenen Namen entstand auf speziellen Wunsch des Künstlers. Man kennt Dahlgreen aus Bands von Anthony Braxton, Joe Lovano oder Herb Ellis. Dass Mr. Bassman nun erstmals als Singer/Songwriter ins Rampenlicht tritt, mit Reibeisenstimme und Jugenderinnerungen an Leonard Cohen oder Donovan, ist eine ungewohnte, aber nicht unsympathische Erfahrung. Gemeinsam mit einer Combo gibt er seinen neun traditionsverliebten Songs auf diesem Album etwas Erdiges mit auf den Weg. Konzert 17. Mai, 20.00 Uhr, Villa Müller, Feldkirch.