Musikalisches Jahrhundertereignis: Kirill Petrenko mit Mahler im Festspielhaus

Kultur / 17.05.2019 • 08:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Mahlers „Achte“ unter dem Weltklassedirigenten Petrenko kann man als Jahrhundertereignis für unser Land bezeichnen. MATHIS/SOV

Kirill Petrenko zelebrierte mit 330 Akteuren Mahlers „Achte“ auf Traumniveau.

Bregenz Da war gestern Abend viel von dem vorhanden, was man auch als abgebrühter Musikkritiker schlicht als Jahrhundertereignis für unser Land bezeichnen muss. Etwas, das man in dieser überwältigenden Direktheit der Werkdeutung, in solch mitreißend elementarer Kraft und Opulenz der Klangmassen hierzulande noch nie erlebt hat. Der uns so freundlich gesinnte Weltklassedirigent Kirill Petrenko imponiert als Kraftzentrum über diesmal 330 Mitwirkende und führt mit dem ehrgeizigen SOV-Zyklus „Mahler 9 x 9“ damit eine Erfolgsgeschichte zu ihrem Höhepunkt, in der sich musikalische und menschliche Qualitäten spiegeln. Über Genauigkeit, Klarheit und innere Logik sichert er Mahlers Symphonie Nr. 8 in ihren extremen Dimensionen absolute Hochspannung. Danach erwacht das Publikum wie aus einer Trance, bevor im Festspielhaus unglaublicher Jubel ausbricht, der zehn Minuten lang dauert.

Tempogefühl und Temperament

Petrenkos zwingende Ausstrahlung als Dirigent geht weit über landläufiges Charisma hinaus, wie er mit jeder Geste Gustav Mahlers komplexem geistigen Konzept nachspürt und nach sieben Symphonien sehr genau weiß, wie man dessen detaillierte, oft widersprüchliche Anweisungen partiturgerecht in mächtiges, bekennendes Klangtheater umsetzt. Mit Tempogefühl und Temperament unterbietet er die Spieldauer des Werks durch Mahler-Spezialist Leonard Bernstein um einige Minuten, ohne dass dabei je ein überhasteter Eindruck entstehen würde. Und er sorgt mit der Intensität seiner Darbietung dafür, dass die Symphonie bei aller Vielfalt des verwendeten Materials, der Farben, Formen und Besetzungen nicht in sich zerfällt, sondern einen unaufhörlichen Fluss, einen Flow, erhält.

Mathis/SOV
Mathis/SOV

Radikal betont Petrenko die Gegensätzlichkeit der beiden Sätze, arbeitet scharfe Kontraste heraus zwischen dem kürzeren ersten Teil mit dem fließenden lateinischen Pfingsthymnus in Chören und Ensembles als einer Art großer Motette und dem doppelt so langen zweiten Teil. Dieser wird mit der Vertonung des Finales von Goethes Faust II zum spektakulären oratorischen Musikdrama von bestürzender Modernität und Schärfe, bis hin zur allgewaltigen Apotheose, in der die wichtigsten Themen wieder zusammengeführt werden. Dieser Abschnitt ist vor allem geprägt durch die von Petrenko selbst ausgewählte, meist Bayreuth-gestählte namhafte Solistenriege, deren überragende, fast durchwegs hochdramatisch geforderte Qualität und Strahlkraft auch durch zwei krankheitsbedingte Ausfälle und die klangliche Übermacht von Chören und Orchester nicht beeinträchtigt wird.

Auffallend, dass sich die drei Soprane von Stimmfärbung und Ausdruck her deutlich voneinander unterscheiden. Die Südafrikanerin Elza van den Heever als Gretchen bringt das größte Stimmvolumen ein, die deutsch-britische Sängerin Sarah Wegener bewältigt als Magna Peccatrix spielend höchste Höhen, engelsgleich und vergeistigt verströmt sich die Graubündnerin Letizia Scherrer als Mater Gloriosa von der Empore herab. Die beiden Mezzos, die Deutsche Claudia Mahnke und die Kroatin Diana Haller, bewältigen die Partien der Mulier Samaritana und der Maria Aegyptiaca mit spannungsreichem Ausdruck. Die Besetzung der Männerpartien steht dem nicht nach. Der Wiener Tenor Norbert Ernst, der in Tel Aviv geborene Bariton Daniel Boaz und der koreanische Bass Kwangchul Youn gestalten ihren Part als Doctor Marianus, Pater Ecstaticus und Pater Profundus sehr differenziert und charaktervoll.

160 Sänger des Festspielchors

Ein ganz wichtiger Träger der Symphonie sind auch die mit vielschichtigen Aufgaben betrauten Chöre mit insgesamt 160 Sängern des Bregenzer Festspielchors (Einstudierung Benjamin Lack) und des Bachchors Salzburg (Einstudierung Alois Glassner), die sich im Sinne Mahlers und Petrenkos gewaltig ins Zeug legen und sich dynamisch brillant zwischen Lautstärkeexzess und Flüstern bewegen. Allein die Wortdeutlichkeit hätte besser sein können, was wohl der Masse geschuldet ist. Dazu kommen in den Engelschören die von Wolfgang Schwendinger perfekt auf ihre Aufgabe vorbereiteten 44 Kinder der Musikmittelschule Bregenz-Stadt, die mit Begeisterung bei der Sache sind.

Dann ist da noch das Symphonieorchester Vorarlberg, das man in derart größter denkbarer Besetzung von 118 Musikern kaum je erlebt hat, mit einem Wald von 60 Streichern, angeführt vom langjährigen SOV-Konzertmeister Hans-Peter Hofmann mit seinem traumhaften Solo im Chor „Uns bleibt ein Erdenrest“ und dem Bratschensolo von Andreas Ticcozzi, mit einer groß besetzten Holzgarnitur und gepanzertem Blech mit den besten Musikern der Region. Mit Kraft und Fülle, Feinheit und Schönheit entwickelt sich jene oft fast überirdische Musik, wie Mahler selbst sie sich wohl für seine „Achte“ vorgestellt haben dürfte. Für effektvolle Klangkronen in den Finali sorgt zusätzlich ein siebenköpfiges Fernorchester von der Empore herab. Immer, wenn Petrenko am Pult steht, ist beim SOV eben Sternstunde angesagt. Ein dickes Kompliment einmal pauschal an alle Musiker, ebenso aber auch an jene, die ohne Wimpernzucken die Verantwortung für Durchführung und Finanzierung dieses unglaublichen Projekts auf sich genommen haben: SOV-Präsident Manfred Schnetzer und die Geschäftsführer Thomas Heißbauer und Sebastian Hozad. So etwas hört man wohl nur einmal im Leben. Fritz Jurmann

Zweite Aufführung: 18. Mai, 19.30 Uhr, Festspielhaus Bregenz (ausverkauft); ORF-Sendetermine: 27. Mai und 3. Juni, jeweils 21.05 Uhr, Radio Vorarlberg