Hochwälders „Der Flüchtling“ als kurzes Theaterstück mit großer Wirkung

Kultur / 24.05.2019 • 23:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Inszenierung von „Der Flüchtling“ von Fritz Hochwälder wurde am Freitagabend vom Premierenpublikum im Bregenzer Kornmarkttheater sehr gut aufgenommen. VN/PAULITSCH

Bregenz Die Frage, was menschliches Handeln ist, wurde in der Nachkriegsliteratur über Jahrzehnte vielfältig abgehandelt. Das Stück „Der Flüchtling“, das der österreichische Dramatiker Fritz Hochwälder (1911-1986) kurz nach seiner eigenen Flucht in die Schweiz verfasste, steht am Anfang, ist mit schmerzhafter Authentizität aufgeladen, trachteten die Nazis in Deutschland und Österreich ihrem jüdischen Landsmann doch nach dem Leben. Dass das Entkommen über den Alten Rhein, einen Ort, an dem auch viele Menschen zurück in den Tod geschickt wurden, gelang, wurde von den Historikern mittlerweile dokumentiert und immer wieder in Erinnerung gerufen. Dass sich die Ereignisse nur in ein paar Kilometern Entfernung vom jetzigen Aufführungsort des Dramas abspielten, wurde bei der Programmierung sicher mitbedacht. Am gestrigen Premierenabend zollte das Publikum am Bregenzer Kornmarkt mit heftigem und langem Applaus nicht nur den Leistungen der drei Schauspieler und des Regieteams Anerkennung, man darf davon ausgehen, dass damit auch die Stückwahl sehr positiv bewertet wurde.

Vertiefend

Intendantin Stephanie Gräve hat mit Bérénice Hebenstreit nicht nur eine Regisseurin gefunden, die mit einem streckenweise thesenhaften Text sehr gut umzugehen weiß, sie bietet auch ein Rahmenprogramm an, das die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen gewährleistet. So kann man beispielsweise auch im Foyer einige jener Grenzgeschichten nachhören, die das Jüdische Museum in Hohenems aufzeichnete. Und die Aufführung von Hochwälders Text selbst ist ungemein klug als Fortsetzung solcher Szenen angelegt. Die Frau eines Grenzwächters hilft einem Flüchtenden, mit dem sie in einer unerwarteten Situation konfrontiert ist. Angesichts eines bedrohten Menschen beginnt sie über ihre spontane Handlung nachzudenken und widersetzt sich den unmenschlichen Strukturen, die ihre Umwelt bewusst oder aus Gedankenlosigkeit akzeptiert bzw. aus Feigheit oder aus Angst, die solidarisches Vorgehen behindert, nicht durchbrechen kann. Es ist ein komplexes, großes Thema, das Fritz Hochwälder da mit drei Personen abhandelt. Mit Tobias Krüger als Flüchtling, Johanna Köster als Frau und Nico Raschner als Grenzwächter findet Hebenstreit eine gute Lösung, die sehr viel zu transportieren vermag. Mit Hilfe von transparenten Wänden und Filmszenen (Ausstattung: Mira König) sowie einem souverän die Emotionen reduzierenden Spiel offenbart sich das Spektrum von menschlichem und unmenschlichem Handeln, das – fein angemerkt – bis in die Gegenwart reicht.

Weitere Aufführungen des Stücks ab 28. Mai, 19.30 Uhr, im Theater am Kornmarkt in Bregenz: www.landestheater.org