Eine Chronologie des Schreckens

Kultur / 31.05.2019 • 19:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
FlammenwandMarlene Streeruwitz,S. Fischer Verlag, 414 Seiten

Flammenwand

Marlene Streeruwitz,

S. Fischer Verlag, 414 Seiten

Mit Anmerkungen zur österreichischen Innenpolitik.

Roman Marlene Streeruwitz hat von 19. März bis 9. Oktober 2018 an ihrem Roman „Flammenwand“ geschrieben. In Stockholm, Wien, Berlin oder Düsseldorf. Am 22. April arbeitete sie im Zug nach Liechtenstein daran, am 12. Juni auf der Reise von Wien nach Paris. Denn da ist sie nicht nach Berlin geflogen. Ob das relevant ist? Wichtig ist es der österreichischen Schriftstellerin jedenfalls, denn alle diese Informationen enthält das Buch. Streeruwitz hat sich dazu entschlossen, Details zum Entstehen in den Text einzuarbeiten, denn laut Untertitel handelt es sich um einen „Roman mit Anmerkungen“. Gegliedert ist er nicht nach inhaltlichen Gesichtspunkten, sondern nach seinen Entstehungsdaten. Obwohl er keineswegs als Tagebuch fungiert. Am Ende halten 83 mit den Kapitelüberschriften korrespondierende Fußnoten Ereignisse der österreichischen Innenpolitik fest – eine über 40-seitige Chronologie des Schreckens von der BVT-Affäre über Verschärfungen der Asylgesetze bis zur Kürzung von Sozialleistungen.

Gesellschaftskritik

Wie das alles mit der von Streeruwitz erzählten Geschichte zusammenhängt, eine Art langer Monolog der 52-jährigen Adele Süttner, die sich ein Sabbatical als Deutschlektorin genommen hat und in Stockholm über die von ihrem Lebensgefährten erfahrenen Enttäuschungen räsoniert, ist schwer zu sagen. „Die politischen Anmerkungen zu den Datumsangaben verankern diesen Text in der jeweiligen Gegenwart des Schreibens und verhindern damit jede Überzeitlichkeit“, heißt es im Klappentext. Das erstaunt. Denn einerseits streben die meisten Texte doch eher nach über die reine Gegenwart hinausreichender Halbwertszeit, anderseits ist fast nichts in „Flammenwand“ ein konkret verorteter Zeitkommentar, sondern alles eine nach Allgemeingültigkeit strebende Gesellschaftskritik. Adele hadert mit ihrem Schicksal. Sie hat sich mit ihrem Geliebten Gustav Jacobsen, einem karrierebewussten Korruptionsbekämpfer und Steuerfahnder in international relevanter Position, auf ein künftiges gemeinsames Leben eingestellt. Doch sein Satz „Du weißt, dass wir da nicht mehr herauskommen, wo wir jetzt sind. Wir zwei“ bekommt schlagartig den Charakter einer Drohung. Der lange, durch extrem kurze, abgehackte Sätze atemlos wirkende Gedankenfluss führt immer wieder zurück in die Kindheit, zum kriegsversehrten Vater und der „perfekten Nazifamilie in der Nachkriegszeit“, zu den Züchtigungen, denen der Bruder ausgesetzt war. Die titelgebende Flammenwand stammt aus Dantes „Göttlicher Komödie“, durch sie muss man hindurch, will man ins Paradies.

Wo Adele am Ende landet, ist dagegen ungewiss. Immerhin gelingt es ihr, einmal weggesperrt, trotz starker Schmerzen an ihr Handy zu gelangen. „,Wollen Sie wirklich den Notruf bedienen?‘, stand auf dem Display. ‚Ja‘, sagte sie laut. ‚Ich will.‘“