Mit Schriftstellern auf dem Bodensee

Kultur / 02.06.2019 • 20:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
25 Jahre Literaturschiff: Mit an Bord waren die Autoren Reinhard Kaiser-Mühlecker, Otto de Kat, Christina Viragh und Organisator Franz Hoben. Helmut Voith
25 Jahre Literaturschiff: Mit an Bord waren die Autoren Reinhard Kaiser-Mühlecker, Otto de Kat, Christina Viragh und Organisator Franz Hoben. Helmut Voith

Literaturschifffahrt mit Reinhard Kaiser-Mühlecker, Otto de Kat und Christina Viragh.

Friedrichshafen Die Fahrt auf dem „Literaturschiff“ ist seit 25 Jahren ein Höhepunkt des Bodenseefestivals. Innerhalb einer halben Stunde waren die Plätze auf der Hohentwiel, „einem der schönsten Dampfer in Europa“, ausverkauft.

Bei herrlichstem Wetter stellten bei der Jubiläumsfahrt zwei Autoren und eine Autorin ihre jüngsten Romane vor, die um die Befindlichkeit wie um die Selbstfindung von Menschen kreisten. Mit dem diesjährigen Festivalthema „Benelux“ hatten die Lesungen weniger zu tun: „Auf dem Literaturschiff geht es heute europäischer zu“, meinte dazu Josef Hoben, der stellvertretende Kulturbüroleiter in Friedrichshafen, der die Auswahl trifft.

Österreicher beobachtet die Welt

Der 36-jährige, aus Oberösterreich stammende Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt in seinem siebten Roman „Enteignung“ von den Umbrüchen, der Verunsicherung unserer Zeit. Emotionslos kehrt ein Journalist, der in New York erfolgreich war, in seine dörfliche Heimat zurück, in der er nie heimisch war. In wenigen Andeutungen lässt Kaiser-Mühlecker in seiner Lesung aus Bruchstücken von Beobachtungen eine Welt entstehen, in der die Personen nie Fuß gefasst haben. „Enteignung“ meint nicht nur das Land, sondern das Leben, das ihnen weggenommen wird. In kunstvoller Verdichtung erzählt der Niederländer Otto de Kat in seinem Roman „Freetown“ von der Suche nach dem Flüchtling Ishmael. Sieben Jahre lang hat Maria ihn bei sich aufgenommen, jetzt ist er weg. Um sein Verschwinden zu begreifen, nimmt sie Kontakt zu einem Psychologen auf. In Monologen erfährt man ihre jeweilige Perspektive in dieser Auseinandersetzung mit Lebenslinien, die nicht zusammenlaufen können. Christina Viragh, in Ungarn geboren, nach Studium in der Schweiz und Arbeiten in Zürich und Kanada jetzt in Rom lebend, erzählt in ihrem Roman „Eine dieser Nächte“ von einem Flug von Bangkok nach Zürich: Der Amerikaner „Big Bill“ erzählt pausenlos Geschichten, seine anfangs ablehnende Umgebung – die Ich-Erzählerin und weitere Nachbarn – werden immer tiefer hineingezogen. Die Lesung konnte das „fulminante Epos zwischen Komik und Tragik“, so ein Kritiker, nur in Ansätzen erfahrbar machen. hv