Bollwerk gegen die Gleichgültigkeit

04.06.2019 • 21:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ wurde vom Aktionstheater am Dienstagabend in Bregenz uraufgeführt. BREITWIESER

Bejubelte, politisch brisante Bestandsaufnahme des Aktionstheaters mit viel Wahrheit, Witz und Poesie.

Christa Dietrich

Bregenz „Das Kosmopolitische liegt nicht in unserer Natur“, sagt Fabian. Es sei schwierig bei uns, hängt Thomas dran und gibt nicht zu erkennen, dass er bereit wäre, sich damit auseinanderzusetzen, wo Naivität in Chauvinismus übergeht. Themen von gesellschaftlicher Brisanz behandelt das Aktionstheater seit Jahrzehnten, am gestrigen Dienstagabend wurde man deutlicher denn je. „Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft“ sollte 30 Jahre nach der Gründung des Ensembles und etwa 20 Jahre nach dem ersten Stück, dessen Text nach Befragungen und Erfahrungen der Mitglieder konzipiert wurde, eine Art Bestandsaufnahme sein. Nachdem der aufkeimende Rechtsruck und der Nationalismus bereits thematisiert wurden, fragte man sich als Beobachter des mittlerweile mit Preisen bedachten, vom Vorarlberger Martin Gruber gegründeten und geleiteten Ensembles in der Tat, wie es weitergehen könnte, was denn da noch zu toppen wäre. Abgesehen davon dürfte eine Gruppierung, die auf Stimmungen gesellschaftspolitischer Art reagiert oder sie schon wahrnimmt, bevor sie weitgehend bewusst sind, im Besonderen davon tangiert werden, dass gerade hochrangige Politiker in Österreich aufgrund ihrer Unmoral zu Fall gebracht wurden.

Sie können es halt

Als Texter, Choreograf und Regisseur ist Martin Gruber klug genug und gut beraten, keine direkten Verweise auf die fragwürdige Demokratieauffassung der Protagonisten im aktuellen Polit-Skandal einzubauen. Ein Vermerk zum Journalistenabschießen mit dazugehöriger Handbewegung ist genug, reicht aus. Und wenn wir schon beim kanzlerartig formulierten „genug ist genug“ sind, käme wohl niemand auf die Idee, die dieserart artikulierte Aufkündigung der türkis-blauen Koalition in Österreich auf „genug ist nicht genug“ umzumünzen und die Machtgelüste direkt umzudeuten. Das Aktionstheater kommt drauf und zelebriert den Griff unter die Gürtellinie derart frech, ungestüm, witzig und ironisch, dass keine Spur von Banalität und Peinlichkeit bleibt. Sie können es halt. Und damit ist Gruber mit seinem Dramaturgen Martin Ojster ebenso gemeint wie die Schauspieler Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Sie machen bewusst, dass Gleichgültigkeit, Saturiertheit und auf gewisse Weise auch Naivität der Vertreter der einigermaßen gebildeten und gut situierten Bevölkerungsschicht das ist, was zunehmend zum Problem wird. Sie zeigen es auf und sie machen Theater. Seit einigen Jahren schon haben sich Regisseurinnen und Regisseure hervorgetan, in deren Arbeiten die Grenzen zwischen Schauspiel, Performance und bildender Kunst mehr als nur fließend sind. Das Aktionstheater Ensemble mit den Ausstattern vom Bildwerk X Valence gehört dazu und hat sich eine beispiellose Sprache angeeignet, die keine Abnutzungserscheinungen aufweist. Das zeigte sich auch am Uraufführungsabend, an dem das Publikum seiner Zustimmung lautstark Ausdruck verlieh. Einen wesentlichen Qualitätsbeitrag liefern auch der Komponist Kristian Musser und der Sänger Pete Simpson mit einer wunderbaren Schubert-Adaption aus „Nacht und Träume“, die als gut eingebauter historischer Vermerk die Ambivalenz der Kunst­epoche der Romantik und ihres politisch-nationalistischen Nährbodens auf den Punkt bringt.

Weitere Aufführungen finden am 5., 6. und 7. Juni, 20 Uhr, im Theater Kosmos in Bregenz (Mariahilfstraße 29) statt. Ab 12. Juni wird das Stück im Werk X in Wien gezeigt.