Samt „Lucy“ ein glänzendes Team

Kultur / 04.06.2019 • 22:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Vorarlberger Komponist Gerold Amann stand im Zentrum des bejubelten Konzertes unter der Leitung von Guntram Simma. JU, Thurner
Der Vorarlberger Komponist Gerold Amann stand im Zentrum des bejubelten Konzertes unter der Leitung von Guntram Simma. JU, Thurner

Guntram Simma und Gerold Amann prägten das Finale der Konzertsaison.

DORNBIRN Das von Guntram Simma vor elf Jahren gegründete und bis heute von ihm geleitete Collegium Instrumentale besitzt in der professionellen Vorarlberger Orchesterlandschaft längst einen geachteten Namen. Alle zwei Jahre ist es zu Gast bei Dornbirn Klassik und das wie immer vor einem mit vielen Fans ausverkauften Kulturhaus. Im Programm hat neben geläufiger Klassik auch diesmal das Werk eines Zeitgenossen seinen Stammplatz. Gerold Amann sorgt in einem glänzenden Dreigestirn neben Simma für starken Vorarlberg-Bezug, die serbische Pianistin Jasminka Stancul dagegen für Starglanz.

Sie sind seit Langem ein bewährtes Gespann, Guntram Simma und Gerold Amann, zwei Urgesteine und Pioniere der heimischen Musikszene und Fortbildung. Ihre Zusammenarbeit begann, als Amann für Simmas Jugendsinfonieorchester Dornbirn leichte Orchesterstücke schrieb, später brachte Simma mit seinem Profiorchester Amanns neue Werke zur Uraufführung.

Archaische Wirkung

Diesmal war freilich von dem über 80-jährigen Komponisten kaum mehr Neues zu erwarten, und so griff Simma auf Wunsch des Schlinser Komponisten als Hommage an den verehrten Freund auf eines von dessen originellsten Werken zurück. Das drei Millionen Jahre alte Fossil einer Frau, das die Forscher nach dem zur Zeit ihrer Entdeckung aktuellen Beatles-Song etwas respektlos „Lucy“ nannten, bildete 1995 für Amann auf dem Höhepunkt seines Schaffens die ideale Vorlage, um daran die Meisterschaft seiner bereits sehr ausgereiften speziellen Kompositionsweise mit einkomponierten Geräuschen zu erproben. In einem gewagten zeitlichen Spagat setzte er über einer Basis von rhythmischen Lochkarten- und Morsegeräuschen verlangsamte Stimmen von Vögeln wie unter einer „Tonlupe“ ein (Amann: „Die haben uns alle überlebt“) und erzielte mit solch subjektiven Verbindungen reizvolle, auch archaische Wirkungen. Wie entschuldigend meint Simma vorher zum Publikum „Ein wildes Stück!“ und kämpft sich dann mit seinen Musikern mutig durch diese fordernde, grell auffahrende Schlacht der Klangballungen, Dissonanzen und Spaltklänge, die heute freilich lange nicht mehr so aufrührerisch klingen wie noch zur Entstehungszeit des Stückes. Wie amüsiert engagiert die Musiker das spielen und wie höflich reserviert die Zuhörer das aufnehmen, zeigt, dass die Musik des anwesenden Komponisten zeitlos gültig ist.

Es ist für Simma und seine Musiker nicht leicht, nach diesem Edelstein heimischen Musikschaffens eine Verbindung zu Mozarts Juwel unter seinen Klavierkonzerten herzustellen. Das edle d-Moll-Konzert bietet der renommierten Pianistin Jasminka Stancul vielfältige Möglichkeiten, um jedem Abschnitt des Konzertes seine Bedeutung und Beleuchtung zu geben: der elegischen Romanze, den dramatisch opernhaften Einschüben, den fesselnd ausgereizten Stimmungswechseln mit dem Orchester. Eine inspirierte, technisch brillante Interpretation, bei der das Collegium Instrumentale unter seinem Dirigenten zu großer klassischer Form aufläuft.

Zum Finale kehrt Guntram Simma dann den abgebrühten Maestro heraus, entwirft mit Antonin Dvoráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ in klanglicher Pracht ein großflächig schillerndes Tongemälde, bei dem alle 65 Musiker mit Konzertmeister Thomas Furrer voll mitziehen und mit spürbarer Leidenschaft ihr Bestes geben. Da geht es im zweiten Satz mit seinem berühmten Englischhorn-Solo um die Heimwehmelodie schlechthin, die sich der Komponist von der Seele geschrieben hat, aber im großen klanglichen Aufblühen immer wieder auch um die Volksmusik der amerikanischen Ureinwohner, die Dvorák wie durch die böhmische Brille betrachtet und in seiner Symphonie verarbeitet hat. Simma liebt das große Pathos, die Emotion, gibt den Gedanken Zeit, sich zu entwickeln, ohne dass dabei je die dem Werk innewohnende Spannung verloren ginge. Und dafür gibt es nun echte Begeisterung im Saal.

Start der neuen Saison 2019/2020: 8. Oktober, Kammerorchester Mantua (Mozart, Paganini)