Wien als Brennglas für Europa

06.06.2019 • 17:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mit dem Begriff „Nationaltheater Europas“ könnte er sich anfreunden, meinte Kusej bei der Präsentation seiner Vorhaben. Apa
Mit dem Begriff „Nationaltheater Europas“ könnte er sich anfreunden, meinte Kusej bei der Präsentation seiner Vorhaben. Apa

Martin Kusej präsentierte seinen „richtig fetten“ ersten Spielplan für das Burgtheater.

Wien Mit „Die Bakchen“ des Euripides in einer Inszenierung des für seine eindrucksvollen Neuinterpretationen des Maschinentheaters bekannten Deutschen Ulrich Rasche eröffnet der Österreicher Martin Kusej am 12. September seine Direktion am Burgtheater. Auf dem Saison-Spielplan 2019/20 finden sich einige Übernahmen aus dem von Kusej derzeit geleiteten Residenztheater. In seiner ersten Wiener Neuinszenierung widmet er sich Kleists „Hermannschlacht“, die ältere Theaterbesucher noch in Claus Peymanns legendärer Inszenierung in Erinnerung haben.

Sich der Vielsprachigkeit öffnen

Seine Regisseurinnen und Regisseure kommen aus 13 Ländern. Darunter sind der Deutsche Kay Voges ebenso wie der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson. Das Burgtheater soll sich der Vielsprachigkeit öffnen. „Das Ensemble ist vielleicht der wichtigste Grund für mich, hier arbeiten zu wollen“, sagte Kusej, der rund 30 neue Ensemblemitglieder ans Haus bringt. Darunter finden sich heimische Stars wie Birgit Minichmayr, Tobias Moretti und Florian Teichtmeister, der das Theater in der Josefstadt somit verlassen wird, aber auch Reiner Galke vom Volkstheater. Aus dem Münchner Residenztheater bringt Kusej 14 Schauspieler mit, zudem finden sich einige Schauspieler aus Ländern wie Ungarn, Island, Israel oder Luxemburg im Ensemble – für den neuen Direktor „eine tolle Mischung“: „Wir bringen andere Sprachen, andere Auffassungen und andere Kulturen hinein. Ich glaube, das ist ein richtig fetter Spielplan, extrem auf Wien zugeschnitten.“ Der zentrale Punkt aller Überlegungen sei: „Wien als Brennglas für Europa“. Paradigmatisch für sein Konzept sieht Kusej jenes Stück, mit dem am 13. September im Akademietheater die Saison eröffnet wird: „Vögel“ des im Libanon geborenen Kanadiers Wajdi Mouawad. Es stellt Fragen nach Identität, Herkunft und Kulturen. Das Konzept der Vielsprachigkeit werde sich u.a. auch in der Endzeit-Oper „Dies irae – Tag des Zorns“ finden, das den Fokus auf strukturellen Antisemitismus und Rassismus und den Aufstand der Töchter gegen das patriarchale Gesetz legt. Das Kasino am Schwarzenbergplatz soll als „neuer zentraler Ort für Literatur, Verständigung und Streitkultur“ dienen, erläuterte der zuständige Dramaturg Tobias Herzberg. Mit Arbeits- und Machtstrukturen aus weiblicher Perspektive („Theblondprojekt“ von Gesine Danckwart und Caroline Peters), den Umtrieben rechter Parteien („Tristesses“ von Anne-Cecile Vandalem) oder ökologischen Katastrophen („2020 oder das Ende“ von Alice Birch) werden viele der großen Themen unserer Zeit behandelt.

Seine Direktion eröffnet Martin Kusej nun voraussichtlich mitten in der Endphase des Wahlkampfs. „Ich habe aber die Befürchtung, dass nach dem Wahltermin alles wieder dort anfängt, wo wir aufgehört haben.“ Eine Hoffnung hat er allerdings auch: „Ich warte darauf, dass Frau Jelinek ein Stück zur aktuellen Entwicklung schreibt. Ich möchte auf jeden Fall, dass das hier aufgeführt wird.“

„Wir bringen andere Sprachen, andere Auffassungen und andere Kulturen hinein.“