Das Ende der Männerherrschaft

07.06.2019 • 20:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Mathias Kessler öffnet das Bregenzer Künstlerhaus für jene, die unterrepräsentiert sind.

Christa Dietrich

Bregenz Die Berufsvereinigung bildender Künstler Vorarlbergs wird seit geraumer Zeit von einer Frau geleitet, von Maria Simma-Keller. In ihrer ehrenamtlichen Funktion hat es die Kunstexpertin nun nicht darauf abgesehen, Konzepte zu kopieren, die etwa die Londoner Tate verfolgt, in der als Reaktion auf die grundsätzlich unterrepräsentierten Künstlerinnen in den Museen und Ausstellungshäusern nun eine gute Saison lang ausschließlich Arbeiten von Frauen gezeigt werden. Simma-Keller hat sich für die übliche Ausstellungsdauer im Künstlerhaus, dem Palais Thurn und Taxis in der Bregenzer Gallusstraße, jedoch Mathias Kessler zu sich geladen. Der aus Vorarlberg stammende und seit Jahren in New York tätige Künstler und Kunstvermittler hat das Haus für mehrere Sparten geöffnet, um Bewerbungen gebeten und ein Veranstaltungsprogramm erstellt, das nicht nur die Vielfalt der regionalen Szene abbilden soll, sondern auch jene ins Licht stellt, die man nicht so leicht wahrnimmt. Das Seniorentheater gehört dazu und deshalb wird das Ensemble „Spätlese“ am 13. Juni auftreten. Wenige Tage später, am 25. Juni, heißt es „Amazone meets Künstlerinnenhaus“. Seit mehr als zwanzig Jahren leistet der in der Landeshauptstadt ansässige Verein feministische Mädchenarbeit.

Öffentliche Institution öffnen

„Mir geht es darum, aufzuzeigen, wie man öffentliche Institutionen verwenden und öffnen kann. Und da war mir die Präsenz von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Sparten ebenso wichtig wie die feministische Arbeit“, sagt Kessler. Die bildende Kunst sei ohnehin vor allem von weißen Männern besetzt und dieser Umstand sei dem Vorarlberger schon länger ein Dorn im Auge. Das Finale ist dahingehend ausgerichtet und wird am 29. und 30. Juni von Maria Hassabi bestritten, einer in New tätigen Künstlerin und Choreografin. Dass Mathias Kessler auf eher zwanglose, aber selbstverständlich inhaltlich in die Tiefe gehende Abende setzt, bekundete er mit einer kleinen, vielfach erwähnten Installation. Ein Kühlschrank ist einladend mit Getränken gefüllt, im Gefrierfach erinnert eine übereinandergeschichtete Substanz an die dreidimensionale Umsetzung des zentralen Motivs aus dem berühmten „Eismeer“-Gemälde von Caspar David Friedrich. Die deutsche Romantik in der österreichischen Gegenwart erweist sich im Künstlerhaus nicht als Gegensatzpaar, sondern als humorvoll-ironische Einladung, Schwellenängste abzubauen oder dahinschmelzen zu lassen.

Kosmopolitisch

Am Freitagabend war das besonders leicht. Maico Tsubaki, gebürtige Japanerin, vermittelte mit einem Tanz, wie Tradition und Moderne nicht nur nebeneinander existieren können, sondern wie befruchtend ein Rückblick sein kann sofern er nicht zur Erstarrung führt. Beinahe dasselbe Thema greift der Vorarlberger Oliver Lins auf. Von Geschäftsreisen, die ihn rund um den Globus mit längeren Aufenthalten in Asien und Amerika führten, hat er Fotos mitgebracht. „Im Grunde genommen bestehen wir doch alle aus Sternenstaub, unser Ausgangsmaterial ist dasselbe, das sollten wir nicht aus den Augen verlieren“, erklärt der Kosmopolit, dem der Nationalismus Sorge bereitet und der mit einer scheinbar einfachen Arbeit Vielschichtiges vermittelt: „Jeder von uns ist ein Reisender, das sollte auch jenen bewusst werden, die gerade nicht unterwegs sind.“ Wer die Fotos betrachtet, dem dürfte auch klar werden, was Oliver Lins meint, wenn er andeutet, dass dem Freundlichen fast immer mit Freundlichkeit begegnet wird.

Marc Lins hat sich hingegen mit Haus und Hof und regionaler Architektur beschäftigt, die dann problematisch wird, wenn auf Biegen und Brechen versucht wird, an ländlicher Idylle festzuhalten, die in einen „Raumplanungs-Wahnsinn“ mündet. Peter Lederer war vor seinem Atelier in Wien mit dem Schriftzug „Neger und Nazis raus“ konfrontiert. Er hat ihn in Neonschrift materialisiert, damit man sich eingehend damit auseinandersetze.

Mathias Kessler hat Projekte wie dieses in Bregenz im Übrigen bereits an anderen Orten, etwa in Deutschland, in der Schweiz und in den USA realisiert. Damit ist er in der Lage, das Interesse einzuordnen, und kommentiert jenes in Vorarlberg sehr anerkennend.

„Die bildende Kunst ist von weißen Männern besetzt. Das ist mir ein Dorn im Auge.“

Maico Tsubaki bot am Freitagabend im Künstlerhaus einen japanischen Tanz dar, Oliver Lins porträtierte Menschen aus aller Welt. Und Mathias Kesslers Kühlschrank-Installation ist als Einladung zu verstehen.  VN/steurer
Maico Tsubaki bot am Freitagabend im Künstlerhaus einen japanischen Tanz dar, Oliver Lins porträtierte Menschen aus aller Welt. Und Mathias Kesslers Kühlschrank-Installation ist als Einladung zu verstehen.  VN/steurer

Nächste Veranstaltung der Reihe im Künstlerhaus Bregenz: 11. Juni, 20 Uhr, textile Installation; 13. Juni, 20 Uhr, Vorarlberger Seniorentheater „Spätlese“