Literarische Energiequellen

07.06.2019 • 15:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das SchlangenmaulJörg FauserDiogenes Verlag306 Seiten

Das Schlangenmaul

Jörg Fauser

Diogenes Verlag

306 Seiten

Jörg Fauser steht für die ganz Großen in der deutschen Krimi-literatur, nicht nur sein „Schneemann“.

romane Alle Jahre wieder wird „der Fauser“ neu aufgelegt, mit wunderbaren Vor- und Nachworten, etwas Besonderes im Zusammenhang mit einem Autor, der mit 43 Jahren durch einen Unfall ums Leben kam. Bekannt wurde Jörg Fauser mit dem Werk „Schneemann“, wirkliche Anerkennung unter kritischen Krimilesern fand er jedoch durch sein literarisches Roadmovie „Rohstoff“. Gelebt hat er im Grunde von Reportagen, für eine Mietwohnung in München reichte es, für ein ereignisreiches Leben auch. Zeit, bei seinen Werken ein bisschen abseits zu schauen und schon landet man beim „Schlangenmaul“.

Knalliges Berlin

Ähnlich wie Fauser lebt sein Hauptcharakter Heinz Hader von guten Reportagen. In einer Phase ohne Aufträge wechselt er jedoch das Fach und wird Privatdetektiv. Auf sein Inserat meldet sich die schillernde Nora Schäfer-Scheunemann, der ihre 18-jährige Tochter „abhandenkam“. Die Fährte führt Hader ohne gröbere Verzögerungen in das Berlin der 1980er-Jahre, hin zum Bahnhof Zoo und dubiosen Clubs. Die Charaktere hat er immer fest im Griff, zugegeben, jetzt nicht zwingend originell, aber sind Fausers Vorbilder Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Mickey Spillane wirklich originell? Nein, sie sind knochentrockene, zugleich fragile Charaktere und versorgen den Leser mit ungeschöntem Material, „Rohstoff“ würde Fauser sagen. Mit dem nötigen Abstand kann man sagen, dass „das Schlangenmaul“ ein bisschen an Geschwindigkeit eingebüßt hat, dennoch ist die Story treffsicher bis hin zur Zeichnung des rastlosen Ermitttlers. Hader kommt zu guter Letzt bei sich selbst an und steht vor dem Nichts. Er wurde für solche Romane in den 1980er-Jahren von den Literaturpäpsten und ihrem Gefolge geprügelt, aber er wurde zumindest noch zum Bachmann Preis eingeladen. Hellmuth Karasek lud ihn damals ein und musste sich dafür einiges anhören. Schade, dass auf solche literarischen Energiequellen heutzutage verzichtet wird.

Mit Bravour am Ziel vorbei

Natasha Bell stellt mit „Alexandra“ ihren ersten Thriller vor. Natürlich „flotter“ als Jörg Fausers Roman aus den 1980er-Jahren, auch ist die Geschichte ausgezeichnet konstruiert: Eine Entführte, die das parallel dazu geführte Leben der von ihr getrennten Familie neu erfinden muss. Je nachdem, wie diese Geschichte ihrem Entführer gefällt, wird sie am Ende des Romans dafür freigelassen oder getötet. Im Detail wird die Geschichte manchmal ungenau, hier hätte an der Protagonistin gearbeitet werden können, aber daran soll nicht gerüttelt werden. Zwei weitere Stränge, das Leben des Paares in der Vergangenheit und die Suche nach ihr sorgen für eine zunehmende Spannung und auch für gelungene Widersprüche, weil eben die unterschiedlichen Sichtweisen ins Spiel kommen. Dazu gibt es ein überraschendes Ende, das Thriller-Versprechen wurde also eingelöst. Alles gut und schön, aber dennoch mangelt es etwas an greifbaren Charakteren in einem kritischen Kontext zur Zeit.

AlexandraNatasha BellDiana Verlag415 Seiten

Alexandra

Natasha Bell

Diana Verlag

415 Seiten