Wie einst die „Suche nach der verlorenen Zeit“

Kultur / 07.06.2019 • 17:49 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Max, Mischa und die Tet-OffensiveJohan HarstadRowohlt Verlag1244 Seiten

Max, Mischa und die Tet-Offensive

Johan Harstad

Rowohlt Verlag

1244 Seiten

Auch wer nicht alle gut 1200 Seiten liest, ist überwältigt.

Roman Ein gewaltiges Unterfangen wie einst Thomas Manns „Zauberberg“ und trotzdem leicht zugänglich: Über 1200 Seiten lässt der Norweger Johan Harstad in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ seinen Ich-Erzähler Max nach Wurzeln und Identität für die Generation der 68er-Kinder suchen. Man muss nicht jede Seite lesen und ist doch überwältigt. Man hat diesen munteren Monsterroman fast geschafft und ist nach 1000 Seiten noch nicht so recht müde, da erfährt Max, dass sein Freund Mordecai sich umgebracht hat. Von der Trauerfeier stellt Harstad auf zehn Seiten in aller Ruhe und abwechslungsreich die knapp 50 Trauergäste von innen, mit ihren Gedanken und Gefühlen vor. Vom Vater mit dem Gesicht einer Totenmaske bis zum Kind, das grübelt, wie man sterben kann, ohne alt oder krank zu sein. Mal gibt es einen knappen Satz über nackte Verzweiflung, mal ironisierend verschiedene Varianten der Unfähigkeit zu trauern oder Warmherziges über das hier fast aussichtslose Ringen um Trost.

Auch ein Liebesroman

Der 40-jährige Harstad hat mit „Max, Mischa & die Tet-Offensive“ auch einen Liebesroman geschrieben. Er lässt seine Hauptperson von den Kindertagen im norwegischen Stavanger der 80er und die Auswanderung der Familie in die USA erzählen. Die ist dem Pubertierenden verhasst, bis er im Schultheater mit Mordecai zusammenfindet. Max blickt als 35-Jähriger zurück auf die letzten 20 Jahre als mal mehr, mal weniger erfolgreicher, immer an der Sinnhaftigkeit seines Treibens zweifelnder Regisseur. Der Freund hat ihn früh mit der Malerin Mischa zusammengebracht, älter, erfahrener, reflektierter und im Künstlerberuf viel erfolgreicher als Max. In New York leben beide mit Max‘ Onkel Owen, geboren als norwegischer Ove, in Owens gewaltigem Manhattan-Apartment zusammen. Auch Mordecai gesellt sich mal dazu. Bis allerlei Unglücke, Krankheit, das Schwinden von Liebe und die Explosion der Mieten die Künstler-WG nach und nach sprengen.

Was nach klarer Chronologie mit Anfang und Ende klingt, wird von Harstad nicht nur zeitlich durcheinandergewürfelt.  Es ist auch nicht nur der Seitenzahl nach ein genauso großangelegter literarischer Anlauf, die eigene Zeit zu verstehen, wie einst Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, Thomas Manns „Zauberberg“ und Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“.