Zur Nebensache degradierte Musik

Kultur / 07.06.2019 • 21:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Ensemble Crosswinds aus Basel hat heuer den Hugo-Wettbewerb gewonnen und trat zum Auftakt der Zwischentöne-Serie im Löwensaal in Feldkirch-Tisis auf. zwischentöne/Rhomberg
Das Ensemble Crosswinds aus Basel hat heuer den Hugo-Wettbewerb gewonnen und trat zum Auftakt der Zwischentöne-Serie im Löwensaal in Feldkirch-Tisis auf. zwischentöne/Rhomberg

Montforter Zwischentöne setzen auf fragwürdige Methoden zur Erschließung neuer Publikumsschichten.

Christa Dietrich

Feldkirch An sich dokumentiert das Bild, das sich im Saal des Gasthofs Löwen in Feldkirch-Tisis ergibt, ohnehin vieles. Die Interpreten, sprich: Sieger der Neuauflage des für Studierende offenen Hugo-Wettbewerbes für Konzertdramaturgie, sind entsprechend junge Leute. In der Zuhörerschaft sieht man zum Großteil jene Personen, die seit dem Start der von der öffentlichen Hand großzügig mitfinanzierten Veranstaltungsreihe Montforter Zwischentöne zugegen sind. Nicht despektierlich, sondern nur der Vollständigkeit halber sei angeführt, dass der Altersdurchschnitt der Zwischentöne-Fans eher hoch ist. Die Jüngeren blieben dem Auftaktabend der neuen Serie mit dem somit paradoxen Titel „entdecken – riskieren, finden, suchen“, in deren Rahmen etwa noch ein musikalisches Stadtfest geplant ist, weitgehend fern. Das Vorhaben, neue Publikumsschichten zu erschließen und an anspruchsvolle Musik heranzuführen, ist in einem zentralen Format des von Folkert Uhde und Hans-Joachim Gögl konzipierten Programms jedenfalls nicht aufgegangen.

Behindernd

Der Konzertdramaturgie-Wettbewerb wird seit vier Jahren durchgeführt und soll unter anderem auch bekunden, dass es für angehende Musiker angeblich immer wichtiger wird, attraktive, das heißt unterhaltende oder interaktive Präsentationsformen zu entwickeln. Andernfalls wären die Konzertsäle leer. Wurde man im Vorjahr in einer Art Schnitzeljagd durch die Villa Claudia in Feldkirch geschickt, die der Erotik und ihren musikalischen Ausdrucksformen quer durch die Jahrhunderte galt, so stand bei den diesjährigen Siegern, dem Ensemble Crosswinds aus Basel, zeitgenössische Musik bzw. Musik des 20. Jahrhunderts auf dem Programm. Abgesehen von John Cage, der auch Alltagsgeräusche als Musik zugelassen hat und der im Löwensaal mit Klängen, die mit der Stimme bzw. der Sprechstimme erzeugt werden, präsent war, handelte es sich um Kompositionen, die Konzentration verlangen. Bei Terry Rileys „In C“, einem Basiswerk der Minimal-Music, für das sich Mitglieder der Harmonie-Musik Tisis-Tosters zu den Crosswinds-Interpreten gesellten, mag es ja noch angehen, dass die Klänge nahezu durchgehend von Gesprächsfetzen des zur Kommunikation, Speis und Trank aufgeforderten Publikums unterlegt sind, bei der „Toccatina“ von Helmut Lachenmann, einem Werk, bei dem kein Ton mit dem Bogen gestrichen wird, sondern bei dem der Bratschist aufgefordert ist, sein Instrument mit allen möglichen Teilen sanft oder hartnäckig zu traktieren, wird der Lärmpegel zur unerträglichen Kulisse, die jegliche Auseinandersetzung mit dem Werk behindert. Ist es das, was Uhde und Gögl wollen?

Fast scheint es so zu sein. Und auch der von den Wettbewerbsteilnehmern eingeforderte Verweis auf die Geschichte des revitalisierten Saales, der einmal auch ein Lazarett war, findet sich ausschließlich auf dem Programmzettel. Dem Ensemble mit seinem Bratschisten und Conférencier Sebastian Heimann nahm man das allerdings nicht übel, es musste im Verlauf des Abends ohnehin damit zurechtkommen, dass die Leute immer weniger Lust hatten, die Reihenfolge der Darbietungen durch Herumlaufen im Saal zu bekunden. Viel mehr Freude hätte es bereitet, Heimann und den Saxophonisten Noa Mick, Kay Zhang, Pablo de la Fuente Pastor und Don-Paul Kahl uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken. Wer das bevorzugt, ist laut wörtlicher Definition der Zwischentöne-Leiter „von gestern“.

Weitere Konzerte und Aufführungen im Rahmen der Montforter Zwischentöne finden ab 28. Juni in Feldkirch statt: www.montforter-zwischentoene.at