40 regionale Dialekte bewegten

Kultur / 10.06.2019 • 20:42 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Tanz und Dialekt erwiesen sich als begeisterndes Duo. spielboden/Hauer
Tanz und Dialekt erwiesen sich als begeisterndes Duo. spielboden/Hauer

Frenetischer Applaus für österreichisches Ensemble Liquid Loft beim Tanz ist-Festival.

Dornbirn Die österreichische Kompanie „Liquid Loft“ startete im sommerlichen Abendlicht auf dem Vorplatz des Spielbodens, der Heimat des seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert von Günter Marinelli geführten Tanzfestivals. Genau so alt ist auch die künstlerische Zusammenarbeit mit dem österreichischen Choreografen Chris Haring, der für Dornbirn den zu seiner Projektserie „Foreign Tongues“ gehörenden Teil „Babylon (Slang)“ wählte und dafür auch den Bregenzerwälder, Dornbirner und Lustenauer Dialekt verwendete.

Über 40 unterschiedliche regionale Dialekte und Sprachen sammelte der künstlerische Leiter, legte eine umfassende Sprachbibliothek an und bediente sich derer für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Verbindung verbaler und körperlicher Sprache.

Die Performance begann allerdings mit leicht identifizierbaren Klängen wie denen einer ungeölten Türe, die vom am Boden liegenden Dong Uk Kim interpretiert wurde, und mit dem Quietschen von Plastik, das Dante Murillo mit seiner Lederjacke darstellte. Dem folgten Gesänge von Arttu Palmio, der sich aus der Distanz näherte, und Gelächter, mit dem sich Katharina Meves durch das Publikum bahnte. Gemeinsam mit Anna Maria Nowak, Hannah Timbrell und Luke Baio bildete das Ensemble stets verändernde Bewegungs- und Klangskulpturen, die immer neue Dialoge eröffneten. Die verwendeten Dialekte traten bruchstückhaft auf und waren nicht immer klar erkennbar. Andreas Berger komponierte aus einer umfangreichen Klangvielfalt eine außergewöhnliche „Spoken Word Symphonie“, wie Liquid Loft sie selbst nennt.

Elegante Professionalität

Der zweite Teil der Performance führte das Publikum über den Bühneneingang in den Saal, wo es selbst auf der Bühne stehen blieb, während sich das Ensemble auf den Sitzreihen befand. In verrenkten Posen und mit nicht eindeutig erkennbaren Konturen erinnerten die Darstellenden an Außerirdische und Fabelwesen, die sich plötzlich auflösten und in hohem Tempo und in einem inneren Dialog verstrickt unter das Publikum mischten. Das Zeichen, wann die Zuschauenden auf der Tribüne Platz nehmen konnten, war am zweiten Performance-Abend klarer als zum Festivalauftakt, an beiden Abenden überzeugte das Ensemble aber durch eine elegante Professionalität, die Masse zu bewegen. Es bezog sie ein, nahm Kontakt auf, ohne ihn länger zu halten, verwendete permanent Kostüm, Raum und Stimmung und schien von geradezu leichter Hand unsichtbare Verbindungen zwischen allen im Raum Anwesenden herzustellen. Diesem Vermögen der Kompanie war es wohl zuzuschreiben, dass sich vollkommen neuartige Sprachkompositionen und ungewöhnliche Körperformen gleichzeitig amüsant, ernstzunehmend und sehr vertraut anfühlten. Man mochte es den Tänzern abnehmen, dass Lachen und ständig wechselnde Sprachen und Klänge tatsächlich aus ihren Mündern und Körpern kamen. Schwer zu sagen, was dieses Projekt letztlich so überzeugend und hinreißend macht. Ob es die Perfektion der Performer ist, die völlig authentisch und glaubwürdig Texte und Emotionen verkörpern, oder ob es eher an den Zwischenräumen liegt, die nach den Sprecheinsätzen entstehen und einen Raum für eigene Bewegungen und Betrachtungen öffnen. Glasklar und sofort auf diese Performance folgend aber waren an beiden Abenden frenetischer Applaus und – hätte es sie gegeben – viele Vorhänge.