Große Gesangskultur im kleinen Dorf

10.06.2019 • 14:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Veronika Dünser mit dem Pianisten Tobias Neubauer. JU

Veronika Dünser und Martin Summer gestalteten in Muntlix ein dreitägiges Liederfestival.

MUNTLIX Ein Dorf gerät in den kulturellen Ausnahmezustand. Die Rankweiler Mezzosopranistin Veronika Dünser und der aus Muntlix stammende Bass Martin Summer luden über Pfingsten in den dortigen Pfarrsaal zu einem klassischen Liederfestival. Beide sind junge Profisänger von internationalem Format: Summer wechselt im Herbst vom Theater St. Gallen an die Staatsoper Hamburg, Dünser wird in den nächsten Monaten mit Liederabenden in New Delhi, Mumbai, New York und Washington auftrumpfen. Die drei Abende waren voll besetzt, die Begeisterung für große Gesangskultur beim zweiten Mal überbordend.

Summer zu den VN über den Anlass dieses Kultur-Projekts in der 3200-Seelen-Gemeinde: „Muntlix ist mein Heimatdorf, und wir wollten hier einfach Erfahrungen im Liedbereich sammeln, wie man sie anderswo nicht machen kann.“ Dünser: „Ich habe jetzt eineinhalb Jahre Oper gesungen, da war es Zeit, einmal in Vorarlberg meinen ersten Liederabend zu geben.“ Eine gewisse Selbstlosigkeit ist auch dabei, denn die beiden haben das als Eigenveranstaltung bei freiem Eintritt und freien Getränken organisiert, ohne dabei aufs Geld zu schauen. Allein die Miete des Flügels kostet vermutlich mehr, als über freiwillige Spenden hereinkommt. Der Pfarrsaal ist mit seiner trockenen Akustik trotzdem nicht jener Konzertsaal, den man ihnen gewünscht hätte. Er heizt sich rasch auf, und bei der engen Bestuhlung sitzen die Interpreten dem Publikum in der ersten Reihe quasi auf dem Schoß. Da braucht es viel Technik, damit die Stimme dann letztlich doch so klingt, wie sie klingen sollte. Das haben beide imponierend drauf, auch wenn der Sänger gesteht: „Der Saal verzeiht nichts.“

Muss er auch nicht, denn Martin Summer lässt gleich in einem Block eher düsterer  Schubert-Lieder seinen Bass ohne Einschränkungen vollmundig strömen, kraftvoll in den dramatischen Teilen, samtig weich im Lyrischen, mit perfekter Diktion, etwas vorsichtig noch in der Höhe, von beeindruckender Schwärze in der Tiefe, wie man sich einen wirklichen Bass wünscht. Der Linzer Tobias Neubauer kann bei offenem Flügel voll zugreifen und ist dennoch nie zu laut. Veronika Dünser präsentiert mit Richard Wagners anspruchsvollen „Wesendonck-Liedern“ als ihrem Kernrepertoire eine total andere Klangwelt, in die sie mit großer Sinnlichkeit und vornehmen  Akzenten eintaucht. Ihre Stimme verfügt über Wärme, satte Farben und eine große Ausdrucksvielfalt, die sie überzeugend ausspielt. Der Tessiner Luca De Grazia bereitet ihr am Klavier dazu einen ausladenden Klangteppich.

Anspruchsvolles Repertoire

Schweres, anspruchsvolles Repertoire also, nicht nur für die Interpreten, auch für das in diesem Bereich weniger erfahrene dörfliche Publikum. Summer: „Das ist dann eben unser Job, dass wir die Zuhörer mit unserem Gesang abholen und mitnehmen.“ Dünser: „Wir wollten bewusst von Schubert kein ‚Heidenröslein‘ oder keine ‚Forelle‘ bringen, die jeder kennt und mitsingt, sondern hier Unbekanntes wie eben auch Wagners ‚Wesendonck-Lieder‘. Und ich finde, gerade dabei hat sich im Kreis unserer vielen Freunde und Bekannten eine sehr schöne, absolut gespannte Atmosphäre im Publikum entwickelt.“ Summer pflichtet bei: „Da kommen Leute zu unseren Liederabenden, nur weil etwas los ist im Dorf, ohne zu wissen, was sie erwartet, und sind dann vollauf begeistert von dem ihnen meist unbekannten Repertoire.“

Der zweite Programmteil aus dem Opernbereich kommt dann auch dem Publikum mehr entgegen. Da gibt es populäre Arien aus Verdis „Troubadour“ und aus Saint-Saens‘ „Samson und Delilah“, bei denen die beiden Interpreten ihre profunde Musiktheater-Erfahrung einbringen können. Schließlich spielen sie ihre Rollen so glaubhaft, dass man auch ganz ohne Kostüm und Kulisse in Summer einen würdigen Sarastro aus Mozarts „Zauberflöte“, in Dünser eine verführerische Carmen aus Bizets Oper leibhaftig zu erkennen glaubt. Herzliche Zustimmung. Fritz Jurmann