Indianerin trifft Weißhaut

Kultur / 12.06.2019 • 20:43 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Premiere von „Die Zertrennlichen“ von Fabrice Melquiot mit Vivienne Causemann und Nico Raschner fand am Mittwoch am Vorarlberger Landestheater statt. lt/köhler
Die Premiere von „Die Zertrennlichen“ von Fabrice Melquiot mit Vivienne Causemann und Nico Raschner fand am Mittwoch am Vorarlberger Landestheater statt. lt/köhler

Das Beste kommt zum Schluss: Neue Jugendproduktion am Vorarlberger Landestheater.

Christa Dietrich

Bregenz „Die Zertrennlichen“ zählt zweifellos zu den bemerkenswertesten Texten, die in letzter Zeit auf den Jugendstücke-Markt kamen. Angesichts des Dramas des Franzosen Fabrice Melquiots mag man das Alter der Zielgruppe aber gar nicht einschränken. Wie zwei Neun- bzw. knapp Zehnjährige, die in der letzten Szene dann etwa zwanzig sind, versuchen, in und mit der Welt der Erwachsenen zurechtzukommen, das geht alle etwas an. Für die Theater-Insider, die am Mittwoch die Premiere in der Box am Kornmarkt erlebten, darf als erstes Indiz für eine ausgezeichnete Produktion des Vorarlberger Landestheaters schon einmal gelten, dass von den etwa Zehn- bis Zwölfjährigen, also von einer bekanntermaßen schwer einzufangenden Altersgruppe, die den Hauptteil des Publikums bildete, kaum ein Mucks zu hören war.

Stark gemacht

Es ist ja auch zu spannend, was Sabah und Roman da zu erzählen haben. Sie stammt aus Algerien und wächst in einer Stadt in Europa (hier vielleicht in Österreich) in einer Familie auf, in der man sich bereits darauf geeinigt hat, dass der Ausbildungsweg von Mädchen nicht kürzer zu sein hat als der von Buben. Für das Kopftuch ist es noch zu früh, das Tragen wird ihr aber auch später freigestellt, zum Verschanzen reicht ihr eine durch Lesen gut geschulte Rhetorik und eine Feder im Haar, als Sioux träumt sie sich weg von der dann doch harten Wirklichkeit. Im Wohnblock daneben wird der nahezu gleichaltrige Roman von den Erzeugern mehr oder weniger allein gelassen. Das Elternpaar wendet die Abende vor allem füreinander auf, lässt sich Jahre später dann aber doch scheiden und hat gerade bzw. leider noch Zeit, den Heranwachsenden mit einem perfiden Alltagsrassismus zu traktieren. Auch dieses Kind hat die von der Literatur gespeiste Fantasiewelt immerhin so stark gemacht, dass es die Menschenverachtung der Eltern nicht unwillkürlich in sich aufsaugt. Eine Generation früher ist es noch anders gewesen, die beiden Väter schlagen einander die Nasen blutig und besorgen sich noch schlimmere Blessuren. Die Algerier ziehen weg, Sabah und Roman werden getrennt.

Ob sie sich als Erwachsene wirklich finden, bleibt offen. Die Begegnung in Kindertagen hat jedenfalls ein Licht ins Herz von Roman gesetzt, an das er sich später erinnert. Das preisgekrönte Werk wurde in die Hände von Martin Brachvogel (Regie) und Kathrin Hauer (Ausstattung) gelegt. Eine rasche Erzählweise, ein trockener Trotz, den Vivienne Causemann mit Bravour hinlegt, offen gelegte Video-Effekte und Neugier mit einer ganz leisen Melancholie, die Nico Raschner perfekt einbringt, entfalten eine wunderbare Wirkung. Die Indianerin wird die Weißhaut am Landestheater wohl noch sehr oft treffen.

Nächste Aufführung des Stücks am 13. Juni, 11 Uhr, in der Box beim Bregenzer Kornmarkttheater sowie weitere Termine im Juni: www.landestheater.org