In der Tradition von Edgar Allan Poe

14.06.2019 • 17:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Joyce Carol Oates ist eine der produktivsten amerikanischen Schriftstellerinnen.

Roman Rund 70 Bücher der unterschiedlichsten Genres hat die 80-Jährige bislang veröffentlicht. Am bekanntesten ist sie für ihre großen Gesellschaftsromane wie „Jene“ und „Wofür ich gelebt habe“. Aber auch Spannungs- und Gruselgeschichten hat sie geschrieben. Auch in ihrem neuesten Buch beschäftigt sich Oates mit abgründigen Themen. Schon der Titel „Sieben Reisen in den Abgrund“ deutet an, dass es in den Erzählungen von Joyce Carol Oates um die dunklen Seiten der Figuren geht. Die inhaltliche Spannbreite der sieben Geschichten ist beträchtlich. Mit fast 140 Seiten ist „Die Maisjungfer“ schon fast ein kurzer Roman für sich. Eine Elfjährige kommt eines Tages nicht von der Schule nach Hause. Sofort vermuten ihre Mutter und die Polizei, dass das Mädchen einem Sexualtäter zum Opfer gefallen sein könnte. Nun entwickelt sich eine eigenartige Dynamik. Die Mutter macht sich große Sorgen, ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein, und sieht sich verdächtigt, ihre Tochter vernachlässigt zu haben. Schon bald gerät auch ein Lehrer in Verdacht, der viele Dinge nicht erklären kann. Geschickt springt die Erzählung zwischen den Perspektiven der Mutter, des Lehrers und der eigentlich Verantwortlichen hin und her.

Auch sechs anderen Geschichten der Sammlung leben von psychologischer Spannung, die Oates in der Tradition des legendären Edgar Allan Poe aufbaut. Beispielhaft hierfür ist die kurze Geschichte „Niemand weiß, wie ich heiß“. Die neunjährige Jessica führt ein glückliches Leben, bis ihre Mutter ein zweites Mal schwanger wird. Auf einmal dreht sich alles nur noch um das Ungeborene, und als es dann auf der Welt ist, scheint sich niemand mehr für Jessica zu interessieren. Erst als sich im Ferienhaus eine Katze zu ihr gesellt, scheint Jessica eine Freundin gefunden zu haben, die sie versteht. Aber damit beginnt die unheimliche Tragödie erst. In den weiteren Geschichten erzählt Oates von kleinen Dramen, die den Menschen im Alltag begegnen und in deren Zentrum etwas Unheimliches steckt.

„Sieben Reisen in den Abgrund“, Joyce Carol Oates, Droemer, 381 Seiten.