Der Teufel sitzt am Nebentisch

Kultur / 18.06.2019 • 18:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Mefistofele“ in Stuttgart: In dieser Faust-Welt wird kräftig gemobbt und die Erlösung ist nur eine Halluzination. oper/Aurin
„Mefistofele“ in Stuttgart: In dieser Faust-Welt wird kräftig gemobbt und die Erlösung ist nur eine Halluzination. oper/Aurin

Verdis Librettist griff als Komponist zum Faust-Stoff und wurde von La Fura dels Baus und dem Chor gerettet.

Christa Dietrich

Stuttgart Wenn man keinen ausgezeichneten Chor zur Verfügung hat, lässt man am besten die Finger von dieser Oper. Arrigo Boito, allseits bekannt als Librettist von Giuseppe Verdi, versuchte sich als Komponist bekanntermaßen am Faust-Stoff. Die erste Fassung von „Mefistofele“ fiel durch, die zweite aus dem Jahr 1875 steht selten auf dem Programm und wurde nun von der Oper Lyon in Kooperation mit der Staatsoper Stuttgart auf die Bühne gehievt. Dort macht sie sich nun zum Ende der Theatersaison aus mehreren Gründen durchaus gut. Erstens bieten die Schwaben die Voraussetzungen mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Chor, dessen Mitglieder so differenziert singen, dass kein Pathos entsteht, obwohl die Wagner-Wogen in ihrer billigsten Ausprägung kräftig hereinwehen, zweitens kennt Regisseur Alex Ollé, ein Mitglied der katalanischen Theaterrabauken La Fura dels Baus, den Grat zwischen Schockwirkung, Kitsch und Kulinarik, und drittens erweist sich der finnische Bass Mika Kares mit Präsenz, Ausstrahlung und Präzision als Idealbesetzung für die Titelpartie. Man checkt es gleich, hier rückt der Teufel in den Mittelpunkt.

Als Saubermacher in einem fabriksartigen Labor, in dem sich der Gelehrte Faust fast zu Tode langweilt, mobbt er die Kollegen und halluziniert sich in die Rolle des Herrschers der Unterwelt. Mit Bühnenbildner Alfons Flores, der die verschiedenen Ebenen rauf- und runterklappen lässt und sich vor Show und Splatter nicht scheut, funktioniert das gut. Boito, der hier selbstverständlich auch als Librettist agiert, absolviert die Gretchen-Story im Schnelldurchgang, dampft den zweiten Faust-Teil auf wenige Szenen ein, gibt der Kerker-Szene dann aber doch so viel Raum, dass die Qualität dieses Spät-Belcanto erfahrbar wird, der in Olga Busuioc eine ausgezeichnete Interpretin findet. Auch Antonello Palombi (Faust) hat in der Höhe alles drauf, was es braucht. Dass er darstellerisch verblasst, ist intendiert. Der Teufel sitzt bedrohlich am Nebentisch und erweist sich – abgesehen von einer wieder einmal ins Lächerliche gleitenden Walpurgisnachtszene mit Häutungen und Grauslichkeiten – als gefährlicher Psychopath. Freilich hat man auch noch die vielschichtigen Bilder der Berlioz‘schen „La Damnation de Faust“-Inszenierung vor Augen, die La Fura dels Baus einst im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule umsetzte. Unter Maestro Daniele Callegari offeriert Stuttgart aber einen „Mefistofele“, der das Pulikum zu Begeisterungsstürmen hinriss.

Weitere Aufführungen der Oper ab 19. bis 29. Juni und ab 4. bis 12. Juli in der Staatsoper Stuttgart (ca. 3 Stunden Dauer): www.staatsoper-stuttgart.de