Sprache ist der einzige Zugang zu den Menschen

18.06.2019 • 19:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hamed Abboud erzählt von seinen Eindrücken während seines dreitägigen Aufenthalts in Hohenems. frauke kühn
Hamed Abboud erzählt von seinen Eindrücken während seines dreitägigen Aufenthalts in Hohenems. frauke kühn

Schriftsteller Hamed Abboud aus Syrien ist Writer in Residence.

Hohenems Hamed Abboud hat Übung im Ankommen. Doch die Unbarmherzigkeit hat sich tief in seine Seele gebrannt. Ankommen und willkommen sein schlossen sich aus. Im Flüchtlingslager trifft Hoffnungslosigkeit auf fruchtbaren Boden. Die Ankunft in Hohenems ist für den syrischen Schriftsteller eine andere. Ihr ging eine Einladung voraus. Geplant sei ein Schreib-Workshop  für Geflüchtete zwischen 16 und 30 Jahren, den der 32-Jährige hätte leiten sollen. Erlebtes zu Papier bringen, Erfahrungen schwarz auf weiß festhalten, Erinnerungen in Geschichten packen und damit dem Dasein Chancen andichten, die vielleicht niemals kommen werden. Oder einfach nur ein bisschen weniger einsam sein im gemeinsamen Tun. Nein, danke, kein  Interesse. Keine Anmeldung. Noch nicht einmal ein Vielleicht. Abboud kam trotzdem. Als Writer in Residence. Drei Tage Hohenems sehen und schreiben. So die Idee. Das Ergebnis wird ab Donnerstag, 20. Juni, rund um den Sulzer Saal sichtbar, wenn Graffiti-Künstler Domingo Mattle seine Gedanken in literarische Street-Art verwandelt.

Neues Poesieverbrechen

„Eine Stadt, die bereit ist, dich zu empfangen, und die dir erlaubt, ein neues Poesieverbrechen zu begehen“, schreibt er. Das war nicht nur am Freitag, 17. Mai 2019, so, als der junge Autor am Bahnhof aus den Zug stieg. 1617 lud Graf Kaspar jüdische Handwerker und Kaufleute ein und schuf mit einem Schutzbrief den Grundstein für die Ansiedlung einer jüdischen Gemeinde. Bis zum Nationalsozialismus und zur Vertreibung 1942. Es kehrte niemand zurück. Und doch spiegelt sich auf kleinstem Raum ihre Existenz wider. Spürbar verhaftet in Gebäuden und Vierteln. Emotionen werden wach. Bei Abboud ganz besonders, dessen Texte seine Flucht, den Verlust von Heimat und den Tod thematisieren. Mit Wut und Schmerz streift er den Mantel des Sarkasmus über. Auch vier Jahre nachdem er in Wien eine zweite Heimat fand, bluten die Wunden noch. Wie gut tut da die herzliche Begrüßung von Frauke Kühn, literatur:vorarlberg netzwerk, und Hanno Loewy, Jüdisches Museum, in der Vorarlberger Kleinstadt. „Ich hoffe, dass ich nie einen solchen Schutzbrief brauchen werde“, sagt er, der zwischen Hoffen und Bangen elf Monate auf einen positiven Asylbescheid wartete.

Sprache macht Freunde

Abboud wuzelt sich eine neue Zigarette. Es sind keine Handwerkerhände, die das weiße Stück Papier zu einer dünnen Rolle formen. Sind es Schriftstellerhände? „Ich habe in Aleppo Telekommunikation studiert“, erzählt der Syrer, der seinen erster Gedichtband mit dem Titel „Der Regen der ersten Wolke“ 2012 veröffentlichte. Also kurz bevor die Universität in Aleppo nach Kämpfen geschlossen wurde.

Sein zweites Buch „Der Tod backt einen Geburtstagskuchen“ erschien 2017. Nachdenklich bläst er Rauchwölkchen in die warme Frühlingsluft. „Die Sprache ist meine Welt“, setzt er fort. „Sie ist der erste Einritt in eine neue Kultur und der einzige Zugang zu den Menschen und zu Freundschaften.“  Abboud ist einer, der gerne Kontakte knüpft. Auch in Hohenems. Für das Street-Art-Projekt schreibt er: „In dieser Stadt, die in den Morgenstunden von zahllosen Neugierigen besucht wird, heißen die Betrunkenen den Fremden nachts an ihren Tischen willkommen. Schreien mit weinvollem Mund: Du bist ein guter Mensch! Warum nur leben hier nicht mehr von deinesgleichen? Ich trinke ihren Wein und sage: Sie starben beim Versuch, hierher zu kommen.“

Das Poesieverbrechen, zu dem er geladen wurde, ist Teil des „Literarischen Wochenendes“ mit verschiedenen Veranstaltungen um die Verleihung des Literaturpreises der Stadt Hohenems. Cro

„Ich hoffe, dass ich nie einen solchen Schutzbrief brauchen werde.“

Ab 20. Juni, Street-Art. 22. Juni, Verleihung „Hohenemser Literaturpreis für deutschsprachige Autoren nichtdeutscher Muttersprache“: www.hohenems.at/literaturpreis