Wie Flöte und Klarinette einen ganzen Abend füllen können

Kultur / 19.06.2019 • 22:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Anja Nowotny-Baldauf und Markus Beer in der Kirche in Rebstein. beyeler
Anja Nowotny-Baldauf und Markus Beer in der Kirche in Rebstein. beyeler

Altach, Rebstein Manchmal entstehen aus Pannen die schönsten Dinge. Weil der Cembalist erkrankt war, stellten die beiden anderen Mitwirkenden des Konzerts in der Reihe „5 nach 5“ am vergangenen Sonntag in der katholischen Kirche in Rebstein/CH ein neues, virtuoses Programm zusammen, das zuvor schon in Altach gespielt worden war. Statt Bach, Händel und einer Uraufführung von Rosinskij erklangen ausschließlich Kompositionen für Flöte und Klarinette (einmal für Altsaxophon), solo oder im Duett.

Stück von Herbert Willi

Diese ungewöhnliche Programmierung ließ einen ungewöhnlichen Abend erwarten. Die ersten Töne hörte man von der Empore, und sie klangen wie eine Orgel. Es war aber der Beginn der „Sonate modale“ des kaum bekannten französischen Komponisten Charles Koechlin (1867–1950), der die Kirche von Anfang an in einen magischen Klangraum verwandelte. Anja Nowotny-Baldauf, renommierte Soloflötistin beim Symphonieorchester Vorarlberg, und ihr Vorarlberger Kollege Markus Beer an der Klarinette verwoben Koechlins ausdrucksvolle Melodielinien zu einem faszinierenden Klanggewebe. Besonders lebendig geriet der letzte Satz, der mit einem volksliedartigen Thema der Klarinette begann. Die akustischen Möglichkeiten der Kirche wurden von den Interpreten voll ausgereizt: Das „Stück für Klarinette solo“ des Vorarlberger Komponisten Herbert Willi spielte Beer vorne im Altarraum. Extrem hohe und tiefe Lagen, Triller, eine Art Echorufe – das alles erweckte Erinnerungen an ein einsames Alpental. Beim Hören solcher zeitgenössischer Kompositionen kann man entweder einfach frei seinen Assoziationen ihren Lauf lassen oder sich auf den Stimmverlauf konzentrieren und dadurch in eine fast meditative Trance geraten. Ins Barock entführte Anja Nowotny-Baldauf hinten in der Kirche mit den „Folies d’Espagne“ von Marin Marais, einer Komposition für Gambe, hier von der Soloflöte höchst kunstvoll und lebendig vorgetragen. Es bedarf schon einer großen Meisterschaft, um diese reichverzierten Variationen so zu spielen, dass einerseits die oft extrem schnellen Verzierungen schön klingen und man andererseits bei diesen vielen Tönen das Thema noch klar heraushört. Aus einer Seitenkapelle erklang dann die „Improvisation (Romani)“ des amerikanischen Komponisten R. L. Caravan, die Teile der Gipsy-Tonleiter verwendet und deren raffinierte Klangeffekte (z. B. Spaltklänge) Beer scheinbar mühelos aus seinem Altsaxophon zauberte. Ein vergnüglicher Höhepunkt wurde „feelings“ der Rankweiler Komponistin Gerda Poppa, Schülerin von Herbert Willi, die ihr Werk selbst vorstellte: In einer Art Programmmusik werden Gefühlslagen wie Verliebtheit, Sehnsucht oder ein Streitgespräch in kurzen Stücken charakterisiert, wobei die Solistin nicht nur Querflöte und Altquerflöte blasen, sondern auch mit dem Fuß aufstampfen, gähnen oder schnarchen muss. Beethovens munteres Duo Nr. 1 für Flöte und Klarinette in C-Dur aus seiner frühen Bonner Zeit, klang nach diesen Werken aus dem 20. und 21. Jahrhundert wie eine Rückkehr nach Hause, wie ein vertrauter Gruß des Rheinländers an den Alpenrhein.

Und doch waren die Ohren an diesem Abend mit so viel spannender neuer Musik verwöhnt worden, dass man Lust auf mehr Konzerte dieser Art bekam. UL